Glücklich sein ist keine Utopie: Reflexionen über den Glückszustand

15 Dezember, 2019
Ist es möglich glücklich zu sein? Macht Geld glücklich oder doch nicht? Was ist tatsächlich wichtig, um einen Glückszustand zu erreichen? Der Psychologe Marcelo Ceberio beantwortet diese und andere Fragen zum Thema Glück und lädt uns ein, über diesen Zustand nachzudenken, den wir alle zum Ziel haben. 

Wir alle haben das Recht, glücklich zu sein, doch nicht alle wissen, was Glück bedeutet und wozu es dient. Glücklich sein ist ein sehr persönliches, subjektives Konzept. Deshalb muss jedes Individuum selbst die Kriterien für sein persönliches Glück definieren.

Anschließend laden wir dich ein, mit uns über dieses Thema nachzudenken. Sehr häufig werden dabei verschiedene Konzepte verwechselt: Manche Menschen glauben, dass materielle und luxuriöse Güter, Produktivität, um Geld zu verdienen und Zeit zu gewinnen, oder Ruhm glücklich machen. Sie verwechseln Glück mit Geld, was in manchen Fällen zu einem katastrophalen Ende führt.

Glücklich sein: Macht Geld glücklich oder nicht?

Die Konzeptualisierung über Glück hat sich durch soziokulturelle Faktoren, evolutionäre Zyklen, theoretische Perspektiven, wissenschaftliche Studien und andere Aspekte im Laufe der Zeit verändert. Viele haben versucht, eine Definition zu finden, um zu verstehen, was es tatsächlich bedeutet, glücklich zu sein. Ausgehend von der chinesischen und griechisch-römischen Philosophie, bis zur Ethologie, Neurowissenschaft und Psychologie haben Gelehrte wie Darwin, Ekman, Friesen, Maslow, Freud, Seligman und viele andere versucht, dieses Konzept zu definieren.

Eine mögliche Schlussfolgerung ist vielleicht, dass es sehr schwierig ist, den Glückszustand, wie auch andere abstrakte Konzepte wie Liebe, Loyalität, Ehrlichkeit, Großzügigkeit und ähnliche Werte, allgemein zu definieren. Denn jeder Mensch hat seine eigene Deutung und Erklärung von Glück, die von verschiedenen sehr subjektiven und persönlichen Umständen abhängen.

Glücklich sein

Der Ursprung der Bezeichnung “Glück” geht auf den lateinischen Ausdruck “felicitas” zurück, der “fruchtbar” bedeutet. Dieses Konzept ist tatsächlich sehr passend und treffend. Denn wenn wir verschiedene Definitionen von Glück lesen und studieren, ist die Fruchtbarkeit immer vorhanden. Fruchtbarkeit bedeutet auch Entwicklung, Projekte, Wachstum, Initiative, Fortschritt und umfasst außerdem auch andere Konzepte, die mit dem Glück verwandt sind.

Glück, Zufriedenheit und Freude

Glück kann jenen Gemütszustand bezeichnen, in dem ein Mensch Zufriedenheit, Erfüllung und Freude experimentiert. Der Glückszustand wird mit Genuss assoziiert, doch steht auch mit folgenden Gegebenheiten im Zusammenhang:

  • Glück löst bestimmte biologische, neuroendokrine Faktoren aus.
  • Auch das limbische System im Gehirn steht damit in Verbindung.
  • Darüber hinaus spielen emotionale Faktoren eine bedeutende Rolle, denn Glück ist eindeutig ein Gefühl, das teilweise auf Freude aufbaut (eine der sechs Grundemotionen des Darwinismus).
  • Zudem spielen auch kognitive Faktoren eine wichtige Rolle: Glück hilft uns, positiv zu denken und negative und automatische Gedanken sowie soziologische Faktoren zu kontrollieren.

Andererseits sind wir “fruchtbar” in unseren Handlungen: Wenn wir uns stark fühlen, um Ziele zu erreichen, und wenn wir damit dann tatsächlich erfolgreich sind, fühlen wir uns glücklich. Das bedeutet, dass Fruchtbarkeit uns zum Glück führt. In diesem Sinne hat der Glückszustand auch mit der Stärkung des Selbstwertgefühles und der persönlichen Wertung zu tun.

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Ergebnisse wissenschaftlicher Studien über Glück

Der Volksmund weiß: “Geld macht nicht glücklich.” Doch dies wurde auch wissenschaftlich bestätigt. Experten versichern, dass es eine Geldschwelle gibt, die zum Beispiel der monatliche Gehalt sein könnte, die zu Depressionen führt, wenn sie überschritten wird. Doch wie kann dies erklärt werden?

Bereits seit mehr als zehn Jahren wird das Glück wissenschaftlich erforscht und es gibt sogar Aufbaustudien über Neuroglück. Außerdem wird jährlich auch ein Ranking jener Länder veröffentlicht, in denen sich die Bevölkerung am glücklichsten fühlt. Bei der Erstellung dieser Liste berücksichtigen Experten verschiedene Standards, um den Glückszustand der Gesellschaft zu bewerten.

Wir wissen, dass Glück mit bestimmten Neurotransmittern verkoppelt ist. Zum Beispiel spielt hier Serotonin, eine Substanz, die für Ruhe, Wohlbefinden und Ausgeglichenheit sorgt, eine bedeutende Rolle. Depressive Menschen leiden in der Regel an einem Serotonindefizit.

Auch Endorphine, die als körpereigenes Morphin bezeichnet werden können, und bei Sport, Sex und auch beim Lachen freigesetzt werden, sind grundlegend, um einen Glückszustand zu erreichen.

Darüber hinaus ist auch Dopamin wichtig, das viele positive Eigenschaften aufweist, und unter anderem die Motivation und den Belohnungsmechanismus beeinflusst. Nicht zu vergessen ist das “Liebeshormon” Oxytocin. Dieses entsteht in Situationen, in denen Eltern die Liebe zu ihrem Kind ausdrücken, und übernimmt auch bei der Geburt und bei Umarmungen grundlegende Funktionen.

Konsistente Glücksskalen in Protokollen mit unterschiedlichen Variablen ergaben folgende Resultate:

  • In Ländern mit schwerwiegenden und mittelmäßigen finanziellen Problemen, in denen viele arme Menschen leben, ist Geld für das Glück relevant.
  • Doch in Ländern, in denen der Pro-Kopf-Gewinn gesichert ist, ist das Einkommensniveau nicht relevant. Das bedeutet, dass Geld in diesem Fall keine Variable darstellt, die Glück garantieren könnte.

Glücklich sein durch ein höheres Einkommen?

Ein würdiges Einkommen in Industrieländern ermöglicht es, Bedürfnisse wie ein Dach über dem Kopf, Ernährung, Erziehung, Unterhaltung und Urlaub zu befriedigen. Außerdem ermöglicht es, eine Organisation zu garantieren, um diesen Lebensplan zu erhalten.

Wenn dieses Einkommen überschritten wird, scheint es so, dass in direkter Proportion auch die Verpflichtungen steigen, die mit dem Verdienst dieses zusätzlichen Geldes einhergehen. Das heißt, dass mehr Zeit in die Arbeit investiert werden muss, mehr Steuern zu zahlen sind und damit auch Umzüge, der Kauf von unnötigen materiellen Dingen usw. zusammenhängen. In der Folge bleibt weniger Zeit zum Genießen. Dadurch kann es nicht nur zu Depressionen, sondern auch zu Stress, Suchtverhalten oder zum Konsum von Psychopharmaka usw. kommen.

Mehr Geld zu verdienen, bedeutet gleichzeitig, sich Komplikationen stellen zu müssen. Man braucht dafür nicht nur mehr Zeit, sondern muss auch mehr Steuern zahlen, man kauft sich mehr und hat automatisch mehr Ausgaben. Die Beträge, die von den Kreditkarten abgebucht werden, multiplizieren sich und es ist schwieriger die Ausgaben zu kontrollieren. Größere Verdienste machen alles komplizierter!

Glücklich sein durch Geld?

Glücklich sein durch materielle Güter und Vorzeigeobjekte?

In kapitalistischen Ländern verwandeln sich materielle Güter in Vorzeige- oder Prestigeobjekte. Ein beeindruckendes Haus, ein Luxusauto oder Markenkleidung gelten als Synonym für Reichtum und bestätigen den Status. Doch hier stellt sich die Frage: Wem müssen wir zeigen, dass wir besser sind und mehr Geld als der Durchschnitt haben?

Der Spruch “Geld macht nicht glücklich” wehrt sich gegen die Kraft des Mythos, dass Geld wichtig ist (Geld als Reisepass für den Erwerb von materiellen Gütern, die angebliches Glück bringen sollen).

Wir Leben in einer Erfolgsgesellschaft (oder haben diese aufgebaut), zu deren Erfolgsvariablen unter anderem Ruhm, gesellschaftliche Anerkennung, ein entsprechender Beruf, materielle Güter, Reisen, Kleidung, ewige Jugend usw. gehören.

Biologisch sind wir darauf programmiert, Beziehungen zu anderen aufzubauen, deren Akzeptanz zu suchen und uns Gruppen anzuschließen. Die Frage dabei ist: Welche Parameter nutzen wir, um die Aufnahme und Akzeptanz zu erlangen? Wenn materielle Güter eine grundlegende Säule darstellen, die uns Glück bescheren soll, dann irren wir uns absolut und entfernen uns von unserem Glück genau in die entgegengesetzte Richtung.

Der Erfolg ist enger mit dem Schein als mit dem Sein verbunden. Deshalb sind materielle Güter häufig entscheidende Elemente für gesellschaftliche Anerkennung.

Glücklich sein durch mehr Erfolg?

Bei dieser Einstellung ist es wichtiger, zu berücksichtigen, was andere über dich selbst denken, als das wahre Wohlbefinden zu suchen. Der bekannte Psychologe Erich Fromm schrieb bereits ein wichtiges Werk zu diesem Thema: “Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft”. Der Irrtum der Erfolgsidee besteht darin, zu glauben, dass “ich das bin, was ich habe”.

Was in diesem Wettbewerb des finanziellen Erfolgs, um materielle Güter zu erlangen und so Anerkennung zu finden, nicht berücksichtigt wird, ist, dass man Zeit nicht kaufen kann: die Zeit, die verwendet wird, um Geld zu verdienen, um einen idealisierten Glücksmoment zu erreichen. Ein Genuss oder ein Glück, das nie erreicht wird. Denn der vorherrschende Zeitmangel und der frenetische Rhythmus, dem wir uns unterwerfen, um zu produzieren, verhindern dies. Ein hübsches und gleichzeitig sadistisches Paradox.

In diesem Sinne können wir denken, dass eine Familie der Mittelklasse oder der Unterschicht mit Projekten weitaus glücklicher ist, als ein Paar mit viel Geld. Gesellschaftlich zählen Wünsche zu den wichtigsten motivierenden Motoren. Der Bedarf, etwas zu haben oder zu erreichen, weckt diese Wünsche. Und genau dies motiviert uns, Projekte zu verwirklichen oder zu planen, die Wachstum ermöglichen. Ich spreche von einem Wunsch, nicht von einer Notwendigkeit.

Glücklich sein und Grundbedürfnisse

Auch wenn andere Autoren von der Notwendigkeit in einem biologischen Sinne sprechen (ich muss Wasser trinken, weil ich Durst habe, oder etwas essen, weil mich Hunger plagt), ist es richtig, dass ärmere Menschen mehr grundlegende Bedürfnisse zu erfüllen haben. Sie benötigen mehr, als sie sich wünschen (was nicht bedeutet, dass sie keine Wünsche haben): Arbeit, Nahrung, Gesundheit, Erziehung.

Die Mittelklasse hingegen (vorwiegend die untere und mittlere Mittelklasse) und auch die höheren Schichten haben kurzfristige Wünsche. Sie wollen beispielsweise ein neues oder ein besseres Auto, das moderner ist oder weniger Kilometer auf dem Tacho hat; oder sie möchten ihr Haus neu streichen oder brauchen ein Darlehen, um sich ein Eigenheim zu kaufen. Es handelt sich offensichtlich nicht um Luxus, doch trotzdem sind diese Wünsche für diese soziale Klasse groß im Vergleich zur Oberschicht, die diesen Bestrebungen keinen größeren Wert beimisst.

Glücklich sein mit dem Partner

Ruhm, Schönheit und Geld: Bad destiny!

Wir sehen also, dass Glück ein zur Gänze subjektives Konzept ist: Jede Kulturgesellschaft, jeder Kontext innerhalb dieser Gesellschaft, jede Familie in ihrer Umgebung und jedes Individuum innerhalb einer Familie hat seine eigenen Vorstellungen über Glück.

Je höher die Erwerbskraft, desto größer das Erfolgsstreben und damit auch die Banalität. Wenn die finanzielle Macht vorhanden ist, verschwindet der Wunsch, die Sehnsucht, etwas zu erreichen. Denn es ist kein Kampf mehr nötig, um zum Ziel zu kommen. Außerdem konzentriert sich dann die Aufmerksamkeit auf die Anerkennung durch das Umfeld, was die persönlichen Werte unwichtig macht.

Man kann deshalb beobachten, dass Menschen, die in gut situierten Stadtvierteln leben, gegeneinander wetteifern. Sie wollen zum Beispiel die beste und größte Villa (nicht Haus, sondern luxuriöse Villa!), oder versuchen mit dem teuersten Auto ihre Kaufkraft zur Schau zu stellen.

Sind Hollywood-Stars glücklicher?

Ein gutes Beispiel dafür sind Hollywood-Stars, die Ruhm, Schönheit und vermeintliches Glück erreichen. Viele benötigen jedoch Therapien, um Suchtverhalten oder schwere Depressionen zu überwinden. Diese Pathologien treten dann auf, wenn die Stars bereits steinreich und berühmt sind. Das geschieht deshalb, weil sie nicht nur reich, sondern Millionäre sind. Das heißt, sie konnten zwar viel Geld verdienen, haben dabei jedoch die affektive Welt vernachlässigt.

Das konnte bereits in der weltweit längsten Längsschnittstudie über Glück, die von Wissenschaftlern der Universität Harvard seit über 80 Jahren durchgeführt wird, bestätigt werden. In dieser Untersuchung wurden 3000 Teilnehmer lebenslang analysiert. Das Ergebnis zeigt, dass affektive Beziehungen wie Elternschaft, Paarbeziehungen, Eltern-Kind-Beziehungen und Freundschaften wahres Glück erzeugen und nicht Geld.

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Wer sich stark auf Ruhm und Geld konzentriert, zerstört seine affektive Welt. Denn er verliert den Referenzwert, den er haben sollte. Außerdem bleiben keine Wünsche mehr offen, wenn man die Spitze des Reichtums, des Ruhms und der Schönheit erlangt.

Wenn der Motor für Inspiration und Projekte die durch Wünsche erzeugte Motivation ist, und wenn diese fehlt, dann verlieren wir den Wunsch. Das wiederum führt dazu, dass wir die Achse unserer Existenz verlieren und dies führt zu einer Katastrophe. 

Die Katastrophe

Die Katastrophe ist eine Welt voller Suchtmittel. Alkohol und Drogen, Depressionen und Selbstmord füllen die Lücken, die durch Mängel entstehen. Ja, ich betone das Wort Mängel, denn diesen Menschen fehlt es an Liebe: Sie glauben, dass ihnen nichts fehlt. Doch in Wahrheit, mangelt es ihnen an ehrlicher Zuneigung, nicht an Erfolg und Luxus, sondern an wahrer Liebe und ehrlicher Freundschaft des Partners oder der Familie.

Sie fühlen sich einsam im negativen Sinne dieses Zustands. Einsamkeit ist in diesem Fall Synonym für Verlassenheit und Ausgrenzung, ein Mangel an wahrer Zuneigung. Diese Menschen sorgen sich so sehr um ihre Anerkennung, dass sie nur banale und interessierte Affekte erhalten, jedoch nicht tiefgehende, selbstlose und uneigennützige Zuneigung.

Rich Dad Poor Dad: Haben Kinder reicher Eltern mehr Chancen, glücklich zu sein?

Bücher wie Rich Dad Poor Dad: Was die Reichen ihren Kindern über Geld beibringen, von Robert T. T. Kiyosaki, die als wichtigstes Ziel Reichtum vor Augen haben, haben sich zu Bestsellern entwickelt, da sie ihre Theorien im Epizentrum der Erfolgssucht verbreiten.

Diese Art von Büchern richten ihre Pfeile auf die populäre Idee, dass Geld, Anerkennung und der soziale Status glücklich machen. Sie versuchen, alle Aktivitäten in diese Richtung zu lenken, um diese weit verbreiteten Ideen in die Praxis umzusetzen und zu konkretisieren. Dabei kann man nicht verleugnen, dass die Autoren sehr kongruent in ihren Aktionen sind. Ihre Ziele sind koherent: Diese Bücher haben sie bereichert und durch millionenfache Verkäufe haben sie selbst Ruhm erlangt, der ihr Leben verändert hat.

Doch in meinem derzeitigen Entwicklungszustand, muss ich klarstellen, dass ich nicht gegen Ruhm bin. Ich kritisiere nur den Missbrauch des Ruhmes oder des Berühmtseins: Wir alle lieben es, von anderen wertgeschätzt und anerkannt zu werden. Doch etwas ganz anders ist es, wenn wir uns davon abhängig machen und sich dies zur wichtigsten Bestrebung unseres Lebens entwickelt. Das ist ein wahrlich ärmliches Ziel.

Glücklich sein geht viel weiter. Es handelt sich um eine Lebensphilosophie, in der es darum geht, die gute Seite des Lebens zu sehen. Auch wenn es zu einer Katastrophe kommt. Es geht darum, immer emotional nahestehende Menschen an deiner Seite zu haben, die dir sagen können “ich liebe dich”, denn wir müssen verstehen, dass auch die Liebe ein tiefgehender Teil des Glückes ist.

  • VV.AA. Harvard Study of Adult Development. https://www.adultdevelopmentstudy.org