Autismusforschung: Körperliche Merkmale, die auf Autismus hinweisen können

26 Juni, 2019
Autismus ist als Krankheit noch gar nicht so lange bekannt. Deshalb gibt es in der Autismusforschung auch immer noch häufig neue Erkenntnisse.

Bei Autismus handelt es sich eine neurologische Entwicklungsstörung. Diese Erkrankung ist noch gar nicht so lange bekannt. Als gesamtes Störungsbild hat sie der Psychiater Leo Kanner tatsächlich erst Mitte des 20. Jahrhunderts beschrieben. Seitdem sind viele Studien entstanden, die den Wissensstand in der Autismusforschung immer wieder erweitern und um neue Erkenntnisse bereichern.

Im Folgenden erzählen wir dir etwas mehr über Autismus und über den Begriff der „Autismus-Spektrum-Störungen“. Darüber hinaus findest du Informationen über eine Studie zu möglichen körperlichen Merkmalen, die auf Autismus hinweisen können. Bleib also dran!

Kurze Geschichte des Autismus und der Autismusforschung

Wenn wir von Autismus im Allgemeinen reden, sprechen wir eigentlich von Autismus-Spektrum-Störungen. Darunter versteht man mehrere ähnliche, aber dennoch unterschiedliche neurologische Entwicklungsstörungen.

Aber das war nicht immer so. Ursprünglich verwendete man den Begriff Autismus, um ein Symptom der Schizophrenie zu bezeichnen. Das Wort kommt vom griechischen autós, was auf Deutsch soviel bedeutet wie „(sich) selbst“.

Später verlagerte sich die Verwendung in den Bereich der Kinderpsychologie. Dort ging es vor allem um Kinder, die Schwierigkeiten hatten, affektive Beziehungen zu anderen herzustellen und außerdem stereotype Verhaltensweisen aufwiesen.

So wurde Autismus zunächst als eine mögliche Erscheinungsform der Psychose betrachtet. Darüber hinaus wurden der Erkrankung auch psychogenetische Ursachen zugeschrieben.

Begriff der „Autismus-Spektrum-Störungen“

Autismusforschung: Kind spielt mit Autos
Autismus zeigt sich in einer großen Bandbreite von Erscheinungsformen. Deshalb spricht man heute zumeist von Autismus-Spektrum-Störungen mit unterschiedliche Graden und Untergruppen.

So hieß es beispielsweise, Autismus hätte mit einem kalten und lieblosen Umgang der Eltern gegenüber dem Kind in den ersten Lebensmonaten zu tun.

Doch glücklicherweise konnte die Autismusforschung über die Jahre neues Wissen über diese Krankheit ans Licht bringen. Und als Folge dieser Studien entstand der Begriff der „Autismus-Spektrum-Störungen“.

Nun begann man mehrere Syndrome je nach ihren Besonderheiten zu unterscheiden. Ein Beispiel dafür ist das Asperger-Syndrom: Menschen, die darunter leiden, haben keine Verzögerung beim Spracherwerb.

Auch gab es in der Autismusforschung neue Erkenntnisse über die möglichen Ursachen dieser Störungen. Heutzutage gilt Folgendes als erwiesen: Sowohl genetische also auch nicht genetische und umweltbedingte Ursachen während der Entwicklung des Embryos spielen eine Rolle.

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Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)

Im gesamten Spektrum autistischer Störungen gibt es folgende Hauptsymptome:

  • Anhaltende Defizite in der Kommunikation und der sozialen Interaktion.
  • Eingeschränkte Interessen mit sich wiederholenden, stereotyp ablaufenden Verhaltensweisen.

Diese Symptome treten in den frühen Phasen der Krankheitsentwicklung auf. Aber es kann auch vorkommen, dass sie sich erst dann wirklich zeigen, wenn die gesellschaftlichen Anforderungen die Einschränkungen offenlegen.

Erste Anzeichen

Autismusforschung: Junge hält sch wegen Hypersensibilität die Ohren zu
Schon von klein auf werden repetitive Verhaltensweisen, Auffälligkeiten in der Kommunikation sowie in der sozialen Interaktion mit Autismus in Verbindung gebracht.
Die ersten Anzeichen von Autismus treten meist im Alter von drei Jahren auf. Aber lange vor dem dritten Lebensjahr ist es häufig so, dass Kinder mit Autismus nicht das so genannte soziale Lächeln aufweisen.

Dieses soziale Lächeln ist das erste Lächeln, das Säuglinge zeigen. Es ist eine Reaktion auf einen Stimulus, z.B. von der Mutter oder dem Vater. Weitere Anzeichen sind, dass die Kinder überempfindlich auf bestimmte Reize reagieren.

Diese können von Berührungen, Geräuschen, Gerüchen oder vom Geschmack herrühren. Auch neigen sie dazu, sowohl den persönlichen als auch den visuellen Kontakt zu vermeiden. Zudem verwenden sie die Sprache auf eher mechanische Art und Weise und verstehen Gesagtes häufig wortwörtlich.

Dadurch fällt es ihnen schwer, Witze, Doppeldeutigkeiten oder Metaphern zu verstehen. Ebensowenig entwickeln sie symbolische Spiele. Das heißt z.B. Spiele, in denen die Kinder so tun, als würden sie kochen oder Auto fahren.

Auch sind ihre Vorlieben oft ungewöhnlich, repetitiv und werden nicht geteilt. Kinder mit Autismus haben sehr wenig Interesse an anderen Kindern. Außerdem zeigen sie von klein auf nicht explizit auf ihre Interessen (z.B. durch Zeigen auf einen bestimmten Gegenstand).

Ihr Verhalten ist oft ungewöhnlich und wiederholt sich. Auch kommt es zu selbstbezogenen, repetitiven Bewegungen (z.B. hin- und herschaukeln).

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Neue Erkenntnisse der Autismusforschung: Körperliche Merkmale, die auf Autismus hinweisen können

Vor Kurzem hat die La Trobe University in Melbourne (Australien) eine Studie über autistische Kinder durchgeführt. Und es scheint, dass man bestimmte körperliche Merkmale entdeckt hat, die mit Autismus zusammenhängen können.

So stellte die Studie fest, dass Kinder mit Autismus allgemein mit einigen körperlichen Besonderheiten geboren werden:

  • Sie sind 4,8 Zentimeter kleiner.
  • Sie haben 0,2 kg weniger Gewicht.
  • Und der Schädelumfang ist 1,2 Zentimeter geringer.

Allerdings stellte man auch fest, dass Kinder mit Autismus im Alter von drei Jahren größer waren als die gleichaltrigen Kinder ohne ASS.

Dr. Cherie Green hat sich zum Ziel gesetzt, aus diesen Ergebnissen Schlussfolgerungen zu ziehen. Es scheint, dass dies alles auf ein Ungleichgewicht im Wachstumshormon bei autistischen Kindern zurückzuführen ist.

Über diese Studie

Zuerst ist zu erwähnen, dass es sich um eine relativ kleine Studie handelte. Daran nahmen 134 Kinder mit Autismus und 74 neurotypische Kinder teil.

Darüber hinaus wird sie von keiner früheren Studie unterstützt. Tatsächlich ergab die einzige diesbezüglich durchgeführte frühere Studie keine Unterschiede zwischen den Kindern. Außerdem sei zu bemerken, dass keine Mädchen an der Studie beteiligt waren.

Dieser Umstand ist besonders wichtig, wenn man Folgendes bedenkt: Die Autismus-Spektrum-Störungen entwickeln sich mit erheblichen Unterschieden bei Jungen und Mädchen.

Dennoch könnte die Studie laut Dr. Cherie Green hilfreich sein, um Autismus-Untergruppen zu identifizieren. So hätten im Prinzip Menschen mit Mutationen im CHD8-Gen einen größeren Kopf. Menschen mit dem mutierten DYRK1A-Gen hätten dagegen einen kleineren Kopf.

Darüber hinaus könnte diese Art der Forschung andere Arten von Konsequenzen haben. Eine davon wäre die Möglichkeit, feststellen zu können, welche Mechanismen (außerhalb des Gehirns) an der Entstehung der Krankheit beteiligt sind und wie diese ablaufen. Ein nächster Schritt auf diese Studie wird die Untersuchung des Wachstums bei Jugendlichen sein.

  • Mccormick, C., Hessl, D., Macari, S. L., Ozonoff, S., Green, C., & Rogers, S. J. (2014). Electrodermal and behavioral responses of children with autism spectrum disorders to sensory and repetitive stimuli. Autism Research. https://doi.org/10.1002/aur.1382
  • Green, C., Dissanayake, C., & Loesch, D. (2015). A review of physical growth in children and adolescents with Autism Spectrum Disorder. Developmental Review. https://doi.org/10.1016/j.dr.2015.02.001
  • Green, C. C., Dissanayake, C., Loesch, D. Z., Bui, M., & Barbaro, J. (2018). Skeletal Growth Dysregulation in Australian Male Infants and Toddlers With Autism Spectrum Disorder. Autism Research. https://doi.org/10.1002/aur.1952