Kann man sich selbst verzeihen?

10 Februar, 2020
Sich selbst zu verzeihen, ist eines der besten Geschenke des Lebens! Du erreichst damit Frieden und emotionalen Ausgleich. Wir haben heute verschiedene Tipps, die dir helfen können, dieses Ziel zu erreichen. 

Sich selbst verzeihen ist keine einfache Aufgabe. Du benötigst dafür Bescheidenheit, Geduld, tiefes Mitgefühl und bedingungslose Liebe zu deinem eigenen Wesen. Doch es handelt sich um einen wesentlichen Schritt auf dem Weg zum Frieden mit dir selbst und dem Rest der Welt.

Die meisten Menschen machen im Laufe des Lebens Fehler, denn diese stellen eine grundlegende Erfahrung im lebenslangen Lernprozess dar. Wir wünschen uns nachträglich, in gewissen Situationen anders gehandelt zu haben und glauben, dass wir es bei einer neuen Chance besser oder zumindest anders machen würden.

Einige Beispiele für solche Situationen sind: im Beruf oder in einer Beziehung nicht wissen, wie man Grenzen setzen kann; zu unterwürfig oder zu aggressiv sein; egoistisch handeln oder anderen Menschen Schaden zufügen. Du kannst dir in diesem Fall schlecht vorkommen und Schuldgefühle aufweisen, du machst dir Selbstvorwürfe und leidest. 

Sind Schuldgefühle nicht richtig?

Schuld ist ein grundlegender Lernmechanismus. Sie leitet unser Bewusstsein und setzt uns Grenzen, die uns zeigen, ob unsere Motivation und unser Verhalten richtig sind. Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Erik Erikson geht davon aus, dass wir ein gesundes Schuldgefühl im Alter von rund drei Jahren entwickeln.

Wenn dies allerdings nicht der Fall ist und wir keinen ethischen und moralischen Code verinnerlichen, können wir große Schwierigkeiten haben, um gesunde Beziehungen zu anderen aufzubauen. Die Abwesenheit von Schuld zählt zu den wesentlichen Eigenschaften der Psychopaten.

Sich schuldig zu fühlen, wenn wir falsch gehandelt haben, ist also ein gutes und gesundes Zeichen. Es bedeutet, dass wir uns darüber bewusst sind, einen Fehler begangen zu haben. Dieses Gefühl hilft uns, diesen zu beheben, uns zu entschuldigen oder andere Verhaltensweisen an den Tag zu legen, um das Unwohlsein zu lösen.

Das Problem liegt allerdings darin, dass wir uns für Handlungen oder Entscheidungen der Vergangenheit noch lange schuldig fühlen können. Diese Schuldgefühle sind sehr quälend und kommen immer wieder zur Wirkung. Es ist dann überaus schwierig, diesem Teufelskreis zu entkommen. Die Schuld verhindert in diesem Fall, die Gegenwart zufrieden zu leben und hält uns an eine nicht gelöste Vergangenheit fest.

Entdecke auch diesen Beitrag: Wie du es vermeidest, dich ständig schuldig zu fühlen

Sich selbst verzeihen: Was bedeutet das?

Dass man sich selbst verzeiht, bedeutet nicht, falsches Verhalten zu rechtfertigen oder keine Gewissensbisse mehr zu haben. Wenn man sich selbst verzeiht, erkennt man negative Emotionen und entscheidet sich dafür, diese in der Gegenwart immer schwächer werden zu lassen.

Verzeihen ist ein progressiver Prozess, der nicht von heute auf morgen erfolgen kann. Insbesondere dann nicht, wenn es sich um sehr komplexe Themen handelt. Manche Menschen brauchen lange Jahre, um ihre Wunden komplett heilen zu können, anderen fällt dies einfacher.

Sich selbst verzeihen erfordert eine veränderte Wahrnehmung der gelebten Situation. Du musst dir selbst erlauben, nach vorne zu schauen und Vergangenes zu überwinden, die Gegenwart in Frieden mit dir selbst leben und dir die Tür zu einer Zukunft ohne Schmerz öffnen.

Sich selbst verzeihen bedeutet auch, den Widerstand gegen Veränderungen zu brechen, denn sehr oft fällt es uns leichter, uns schuldig zu fühlen, anstatt es zu wagen, Selbstkritik und Schmerz zurückzulassen.

Sich selbst verzeihen ist oft schwer.

Sich selbst verzeihen: die Phasen der Vergebung

Vergebung ist ein Prozess, der aus unterschiedlichen Phasen besteht:

  1. Die Wahrheit erkennen: Um sich selbst verzeihen zu können, ist es notwendig, ehrlich zu sich zu sein. Wenn du etwas falsch gemacht hast, solltest du dich nicht zusätzlich selbst belügen.
  2. Die Verantwortung übernehmen: Alle Handlungen haben Folgen, doch du solltest mutig sein und die Verantwortung übernehmen. Wenn du dich den Konsequenzen stellst, kannst du dir besser vergeben.
  3. Die tiefsten Gefühle in dir analysieren, die dich zu deinem Verhalten geführt haben: Zu wissen, warum du auf diese Weise gehandelt hast, wird dir in Zukunft helfen, nicht denselben Fehler noch einmal zu wiederholen.
  4. Fühlen ohne zu beurteilen: Wenn du akzeptierst, dass du nicht perfekt bist, wird es dir einfacher fallen, dir selbst zu verzeihen. Akzeptiere, was passiert ist, denn dies ist die Grundlage, um zu heilen.
  5. Emotionale Wunden heilen: Die Selbstkritik muss jetzt dem Mitgefühl dir selbst gegenüber weichen.
  6. Dich selbst bedingungslos lieben: Dies bedeutet, dich in deiner Gesamtheit zu akzeptieren, mit all deinen Gaben und Vorzügen, doch auch mit all deinen Fehlern und Irrtümern. Diese letzte Phase auf dem Weg der Vergebung ist grundlegend, damit du lernst, dich selbst auf gesunde Weise zu lieben und dir zu verzeihen.

Noch ein interessanter Artikel: Schmerzvolle Erinnerungen: So kannst du sie loslassen

Dir selbst verzeihen: hilfreiche Strategien

In der Praxis können dir verschiedene Strategien helfen, um auf dem Weg der Vergebung schneller voranzukommen. Wir haben ein paar Tipps für dich:

  • Um Entschuldigung bitten. Sich für Fehler zu entschuldigen ist ein wichtiger Schritt, wenn du mit deinem Verhalten jemanden verletzt hast. Dabei spielt es keine Rolle, ob dies bewusst oder unbewusst erfolgte. Du solltest jedoch ehrlich sein und ganzen Herzens um Verzeihung bitten. Du darfst mit der Entschuldigung jedoch keine Erwartungen verknüpfen, denn um Verzeihung bitten, bedeutet nicht, dass die andere Person dir sofort vergeben muss. Dennoch hilfst du dir damit, dich selbst zu heilen und tust vielleicht auch dem anderen Menschen Gutes.
  • Erfahrungen teilen. Jemandem deine Fehler zu erzählen, kann dir helfen, dich auf dem Weg der Vergebung von deiner Schuld zu befreien. Du kannst mit einem Freund oder einer Freundin darüber sprechen, die dir emotionale Sicherheit geben und dich akzeptieren. Eine andere Möglichkeit ist, einen Experten aufzusuchen, der dir helfen kann, deine Emotionen zu verstehen und zu bewältigen. 
  • Schreiben. Eine wunderbare Idee ist ebenfalls, in einem Brief all jene Worte festzuhalten, die du gerne der betroffenen Person sagen würdest. Damit kannst du deine Gedanken und Emotionen ordnen und Schmerzen loslassen. Je nach Situation entscheidest du selbst, ob du diesen Brief der betroffenen Situation überreichen möchtest, oder ob du ihn nur dazu verwendest, dich selbst zu heilen.
  • Dein inneres Kind heilen. Die Meditation ist ein sehr effizientes Werkzeug, um Vergebung zu erreichen. Du kannst dich dabei entspannen und mit deinem inneren Kind ins Gespräch kommen. Gib ihm all die Sicherheit und die bedingungslose Liebe, die es braucht, um sich mit der Vergangenheit zu versöhnen.
Sich selbst verzeihen befreit!

Abschließende Gedanken

Sich selbst zu verzeihen ist ein schrittweiser Prozess. Auf dem Weg der Vergebung lassen wir allmählich Schmerz zurück und öffnen uns der Gegenwart und der Zukunft ohne Leid.

Wir müssen lernen und akzeptieren, dass wir in jedem Lebensabschnitt unserem jeweiligen Bewusstseinsgrad entsprechend handeln. Wenn wir in der Vergangenheit Fehler gemacht haben, war das vermutlich deshalb der Fall, weil wir nicht wussten, anders zu handeln.

Während des Heilungsprozesses werden wir uns darüber bewusst, dass wir uns nicht mehr in derselben Lebensphase befinden, wie zu der Zeit, als wir uns geirrt hatten. Der begangene Fehler hat uns nämlich geholfen, uns als Person weiterzuentwickeln.

Du solltest deshalb nach vorne schauen, Mitgefühl mit dir selbst zeigen, dir vergeben und Frieden finden!

  • Armero, M. (2018). Aprendiendo a vivir. Uno Editorial.
  • Borysenko, J. (1990). Guilt is the teacher, Love is the lesson. Hachette Book Group.
  • Casarjian, R. (2005). Perdonar: Una decisión valiente que nos traerá la paz interior. Ediciones Urano.