Warum ist die Gender-Perspektive im Gesundheitswesen so wichtig?

Die Einbeziehung der Gender-Perspektive in das Gesundheitswesen ermöglicht es den Angehörigen der Gesundheitsberufe, ihre Entscheidungen auf die jeweilige Person zuzuschneiden. Das impliziert auch die Erkenntnis, dass die Biologie nicht der einzige Faktor ist, der eine Krankheit beeinflusst. In unserem heutigen Artikel werden wir uns mit diesem aktuellen Thema etwas eingehender befassen.
Warum ist die Gender-Perspektive im Gesundheitswesen so wichtig?

Letzte Aktualisierung: 22. August 2021

Die Berücksichtigung der Gender-Perspektive bzw. der Geschlechterperspektive im Gesundheitswesen bedeutet, dass man versteht, dass es nicht nur biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, sondern auch Unterschiede, die sich aus sozialen und kulturellen Faktoren ergeben. Diese Faktoren werden bei der Diagnose und Behandlung jedoch oft vernachlässigt, was zu geschlechtsspezifischen Ungleichheiten führt.

Einige bemerkenswerte Daten, die aus dem Bericht “Gesundheit und Geschlecht“ des spanischen Gesundheitsministeriums stammen, können uns helfen, die Bedeutung der Gender-Perspektive im Gesundheitswesen zu verstehen.

Die Forscher untersuchten eine Bevölkerungsgruppe, deren Alter zwischen 45 und 65 Jahren lag, und beobachteten Folgendes:

  • Frauen leiden häufiger an chronischen Krankheiten als Männer.
  • Männer leiden an schwereren Krankheiten, die eine höhere Sterblichkeitsrate aufweisen.
  • Frauen leben durchschnittlich 6,6 Jahre länger als Männer.
  • Bei Männern sind somatische Symptome ohne eine organische Ursache seltener, ebenso wie depressive Zustände und Angstzustände.
  • Frauen nehmen mehr Psychopharmaka ein als Männer; 75% aller Konsumenten von Schlaf- oder Beruhigungsmitteln sind weiblich.

Was ist die Gender-Perspektive?

Um zu verstehen, worum es bei der Gender-Perspektive geht, ist es zunächst wichtig zu verstehen, was sich hinter dem Wort “Gender” verbirgt. Obwohl dieser Begriff das Geschlecht beschreibt, geht es aber tatsächlich nicht nur um die biologischen, anatomischen und physiologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

Stattdessen bezieht sich der Begriff “Gender” auf ein System sozialer, symbolischer und psychologischer Beziehungen, welches Frauen und alles, was als weiblich gilt, im Vergleich zu Männern benachteiligt.

Es ist ein dynamisches Konzept, das sich ständig weiterentwickelt und stark vom historischen Kontext abhängt. Mit dem Begriff wird anerkannt, dass sozial und kulturell konstruierte Unterschiede über die Biologie hinausgehen. Sie sind der Ursprung der geschlechtsspezifischen Ungleichheit beim Zugang zur Gesundheitsversorgung.

Die Gesellschaft nutzt das Geschlecht im Sinne von Gender, um Elemente gemeinsamer Praktiken, Normen, Werte und Verhaltensweisen zu organisieren und zu gestalten. Die Anwendung eines genderspezifischen Ansatzes beginnt damit, dass man anerkennt, dass es solche Unterschiede gibt, und diesen mehr Aufmerksamkeit schenkt.

Frauen leiden häufiger an chronischen Krankheiten als Männer
Prävalenzstudien zufolge leiden Frauen häufiger an chronischen Krankheiten als Männer.

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Warum ist eine Gender-Perspektive wichtig?

Die Anwendung einer Gender-Perspektive ermöglicht es den medizinischen Fachkräften, ihre Entscheidungen an die Person anzupassen, mit der sie es zu tun haben; sie verstehen, dass die Biologie nicht der einzige Faktor ist, der Krankheiten beeinflusst.

Wird dieser Faktor nicht berücksichtigt, besteht die Gefahr, dass bei der Gesundheitsfürsorge geschlechtsspezifische Vorurteile entstehen und die Patientin infolgedessen nicht die Behandlung erhält, die sie benötigt. Daher hängt die Wirksamkeit der angestrebten Behandlungen von diesem umfassenden Ansatz ab.

Zu den häufigsten Vorurteilen zählen die folgenden:

  • Androzentrismus: Der Mensch wird mit dem Männlichen gleichgesetzt, was bedeutet, dass die unterschiedlichen Erfahrungen von Frauen oft nicht erkannt und anerkannt werden, während die von Männern als universell gelten.
  • Geschlechtsspezifische Gefühlslosigkeit: Fälle, in denen die medizinischen Fachkräfte den Einfluss von Geschlecht und Gender nicht berücksichtigen, obwohl der Kontext aufgrund der unterschiedlichen Auswirkungen auf die Gesundheit signifikant ist.
  • Doppelmoral: Fälle, in denen das medizinische Personal zwar das Geschlecht berücksichtigt, aber mit zweierlei Maß misst oder seine Entscheidungen auf andere Kriterien stützt. Das bekannteste Beispiel ist, dass Frauen als hysterisch und Männer als leidenschaftlich bezeichnet werden.

Warum ist eine Gender-Perspektive im Gesundheitswesen erforderlich?

Die Gender-Perspektive muss über eine geschlechtsspezifische Analyse hinausgehen; unterschiedliche Gesundheitserfahrungen von Männern, Frauen und anderen Identitäten, die auf ihrem Geschlecht und anderen Faktoren wie sozialer Klasse, ethnischer Zugehörigkeit und Alter basieren, sollen damit erkannt werden.

Die Anwendung einer geschlechtsspezifischen Perspektive im Gesundheitswesen ermöglicht es uns zu verstehen, wie Geschlechter-Stereotypen und -rollen unter anderem die Lebensqualität des Einzelnen beeinflussen. Dies erklärt zum Beispiel, warum Frauen länger leben, aber eine schlechtere Lebensqualität haben.

Die unterschiedlichen Merkmale einer Krankheit bei Männern und Frauen verstehen

Aufgrund ihrer biologischen Eigenschaften können Frauen an Brustkrebs oder Eierstockerkrankungen leiden. Des Weiteren führen verschiedene Krankheiten bei Männern und Frauen zu unterschiedlichen Sterblichkeitsraten. Daher ist es sehr wichtig zu berücksichtigen, dass Männer und Frauen in unterschiedlicher Weise für dieselben Faktoren anfällig sind.

Frauen sind aufgrund von Besonderheiten bei der Absorption und dem Stoffwechsel des Körpers anfälliger für chemische Umweltfaktoren. Obwohl also beide Geschlechter den gleichen Bedingungen ausgesetzt sein können, sind Frauen biologisch gesehen anfälliger.

Den Einfluss von Geschlechterrollen und -identitäten erkennen

Die Ideale und der Druck, den die Gesellschaft auf uns ausübt, damit wir uns zugehörig fühlen, beeinflussen unsere Lebensqualität. Im Falle von Essstörungen bei Frauen beispielsweise geht der Versuch, einem perfekten Körperideal zu entsprechen, mit gesundheitlichen Risiken einher.

Bei Männern können die Geschlechterrollen riskante Verhaltensweisen erklären, wie beispielsweise höhere Geschwindigkeiten am Steuer oder ein übermäßiger Alkoholkonsum. Der Zugang zu und die Kontrolle von Ressourcen sowie die unterschiedliche Sozialisation wirken sich auf die Lebensgewohnheiten aus.

Wenn Frauen an Essstörungen leiden, birgt dies Risiken für ihre Gesundheit
Essstörungen sind ein deutliches Beispiel für den Einfluss des Geschlechts auf die Lebensqualität.

Gesundheit ist kein Lebensziel, sondern eine tägliche Ressource

Dieser Leitgedanke der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bedeutet, dass Gesundheit nicht als ein fernes, langfristig zu erreichendes Ziel betrachtet werden sollte. Stattdessen sollten wir sie als ein Recht betrachten, eine Ressource, über die wir täglich verfügen müssen.

Das Gesundheitspersonal ist der Schlüssel zu diesem Ziel. Deshalb ist es notwendig, neue Wege in der Forschung und in der Anwendung der Wissenschaft zu beschreiten und die alten Wege der Behandlung von Menschen, die eine Arztpraxis aufsuchen, anzupassen.

Die Gesellschaft muss einen Wandel herbeiführen, indem sie universelle Rechte und den Zugang zu einer hochwertigen Gesundheitsversorgung für alle garantiert. Die Erziehung zur Gleichberechtigung spielt dabei eine äußerst wichtige Rolle, ebenso wie die Einbeziehung der Geschlechterperspektive in Gesetze und öffentliche Maßnahmen.

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