Squid Game: Eine Bedrohung für die psychische Gesundheit?

Kann eine Netflix-Serie das Verhalten von Kindern in Schulen verändern? Mehrere Untersuchungen legen dies nahe. Schauen wir uns die Beweise an.
Squid Game: Eine Bedrohung für die psychische Gesundheit?

Letzte Aktualisierung: 03. November 2021

Squid Game ist ein internationaler Sensationserfolg von Netflix, aber es wurden Bedenken über mögliche psychische Nebenwirkungen laut. Vor allem medizinische, psychologische und soziale Organisationen warnen davor, dass Kinder für die Handlung und die Bilder der Serie empfänglich sein könnten.

Ein Teil des weltweiten Erfolges ist auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung zurückzuführen. Da es nach der Eindämmung der COVID-19-Pandemie weniger Einschränkungen gab, bringt die Serie die Verzweiflung der verwirrenden Zeiten zum Ausdruck. Es ist nicht schwer, dasselbe zu fühlen wie die Protagonisten, wenn Ereignisse, die sie nicht beeinflussen können, sie in extreme Situationen bringen.

Auf ganz ähnliche Weise funktioniert Squid Game. Es handelt sich um eine Kritik und Satire auf das Quizspiel-Fernsehsystem, wie es zum Beispiel in Japan oder Korea weit verbreitet ist. Das Drehbuch mag mit einer sozialen Botschaft im Hinterkopf konzipiert worden sein, aber es hat sie in Unterhaltung umgewandelt, die nicht für jeden harmlos erscheint.

Die Gewalt in Squid Game

Diese Netflix-Serie hat gewalttätige Inhalte. Das zeigt sich auch an der Einstufung auf der Streaming-Plattform. Denn diese Serie ist als ungeeignet für Kinder unter 17 Jahren eingestuft. Im ersten Monat nach dem Erscheinen haben mehr als 111 Millionen Accounts Squid Game gesehen. Daher liegt die Vermutung nahe, dass darunter auch viele Kinder waren.

Auch die viralen Herausforderungen in sozialen Netzwerken wie Instagram und TikTok, bei denen Teenager Szenen aus der Serie nachstellen, sind ein weiterer Beweis für die Verbreitung der Serie in dieser Altersgruppe. Vielleicht waren es diese viralen Inhalte, die verschiedene medizinische und soziale Organisationen auf die unerwünschten Nebeneffekte von Squid Game aufmerksam gemacht haben.

Die Website Common Sense Media ist der Meinung, dass dieses audiovisuelle Produkt nicht von Kindern unter 16 Jahren angesehen werden sollte. In der Beschreibung wird klargestellt, dass die Episoden extreme Gewalt enthalten. Interessanterweise können die Nutzer/innen auf demselben Portal ihre Meinung dazu abgeben, ob sie dieser Einstufung zustimmen oder sie ablehnen. Derzeit sagen Eltern, dass die Serie ab 17 Jahren freigegeben werden sollte. Im Gegensatz dazu meinen Kinder, dass sie ab 14 Jahren freigegeben werden sollte.

Die erzeugte kognitive Dissonanz

Möglicherweise liegt ein Grund für die unterschiedlichen Meinungen trotz der expliziten Gewalt in der kognitiven Dissonanz, die die Serie erzeugt. Sadistische Szenen und Todesszenen werden als Kinderspiele dargestellt. Dies ist für das Gehirn der Zuschauer sehr interessant. Daher möchten sie dann auch erfahren, wie diese Situationen aufgelöst werden.

Kognitive Dissonanz ist ein Zustand des Unbehagens im Kopf. Wir haben zwei solcher Szenen wahrgenommen, und doch enthalten die Kinderspiele nicht die Todesszenen, die in der Serie vorkommen.

So werden die Nebenwirkungen von Squid Game vor allem mit der psychischen Gesundheit in Verbindung gebracht. Für Kinder ist es schwieriger, die kognitive Dissonanz zu deuten. Daher ist die Gefahr größer, dass sie die Handlung falsch interpretieren.

Weltweite Reaktionen

Verschiedene staatliche und private Organisationen haben auf die Erkenntnisse über bestimmte Nebenwirkungen auf die psychische Gesundheit durch das Ansehen von Squid Game reagiert. Auch von Eltern angeführte Bewegungen haben die Behörden aufhorchen lassen.

Die Schulen haben in diesem Szenario eine führende Rolle übernommen. Sie erweisen sich als privilegierte Bereiche, denn sie können den Eltern verschiedene Empfehlungen geben. Insbesondere darüber, wie diese mit ihren Kindern über bestimmte Themen diskutieren und gewalttätiges Verhalten erkennen können.

Eine Schule im US-Bundesstaat Atlanta hat ein Schreiben an die Eltern geschickt, um sie darüber zu informieren, dass es innerhalb der Einrichtung verboten ist, über Squid Game zu sprechen oder zu diskutieren. Ebenso ist es den Schülerinnen und Schülern nicht erlaubt, in der Pause Szenen aus der Serie nachzuspielen.

Eine andere Schule, diesmal in Belgien, hat sich ebenfalls an die Eltern gewandt. Nachdem sie bemerkt hatten, dass mehrere Schüler/innen auf dem Schulhof Szenen aus der Netflix-Serie nachstellten, baten sie die Eltern der Kinder, sie die Serie nicht sehen zu lassen. Auch die belgischen Behörden sind der Meinung, dass die Serie für Kinder unter 18 Jahren nicht geeignet sei.

Eine ähnliche Vorgehensweise wird auch in England verfolgt. Ein Bildungsrat im Süden des Landes empfiehlt, Kinder daran zu hindern, Szenen aus “Squid Game” zu sehen. Auch die australische Organisation ReachOut, die sich mit der psychischen Gesundheit von Jugendlichen befasst, hat dieselbe Warnung und Empfehlung ausgesprochen.

Squid Game - Kinder spielen Filmszene nach
Die Tatsache, dass Schülerinnen und Schüler in der Pause Szenen aus der Serie nachspielen, hat die Lehrerschaft und Schulverwaltungen in Alarmbereitschaft versetzt.

Gesundheitliche Nebenwirkungen von Serien wie Squid Game

Keine wissenschaftliche Studie hat die gesundheitlichen Nebenwirkungen von Squid Game untersucht. Es wurden jedoch soziologische Analysen und Forschungen durchgeführt, um den Zusammenhang zwischen der in audiovisueller Form gesehenen Gewalt und dem Ausdruck von Gewalt in der Realität zu bestimmen.

Ist es möglich, dass das Anschauen von Gewaltserien und -programmen zu späteren Aggressionen im wirklichen Leben führt? Laut einer in Portugal durchgeführten Studie trägt Gewalt im Fernsehen dazu bei, dass Schüler/innen körperliche Aggressionen gegenüber anderen äußern, sofern sie ein echtes Interesse an den Figuren in der Geschichte haben, die sie gerade sehen.

Natürlich ist das keine unmittelbare Folge, denn Jugendliche werden nicht allein durch das Ansehen einer Serie gewalttätig. Die Experten Huesmann und Taylor weisen darauf hin, dass es moderierende Faktoren gibt, die bestimmen, wie eine Person das Gesehene aufnimmt und in Verhalten umsetzt.

Diesen Autoren zufolge wirkt sich die in einer Fernsehserie gesehene Gewalt durch zwei klare Mechanismen auf das Alltagsleben aus. Einer davon ist der Selbstmordversuch, der bei Jugendlichen häufiger vorkommt; der andere ist das Nachspielen von Gewaltszenen als Spiel oder als Nachahmung. Letzteres wurde von Schulen in Belgien, den Vereinigten Staaten und England berichtet.

Desensibilisierung gegenüber Gewalt

Wenn Gewalt zu einem alltäglichen Ereignis wird, das sozial akzeptiert und “normal” ist, gilt sie nicht mehr als verwerflich. Bei jungen Menschen hat dies eine klare Komponente. Diese stammt aus aus der Werbung, den sozialen Netzwerken und dem Konsum von Unterhaltungsprodukten.

Da sich ihre Persönlichkeit noch in der Entwicklung befindet, ist es für Jugendliche schwierig, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, genauso wie es für sie schwierig ist, die reale Welt von der fiktiven zu trennen. Kurzfristig ist die Möglichkeit, das nachzuahmen, was sie in einer Serie sehen, eine Gelegenheit, ihre eigenen Grenzen auszutesten.

Eine psychologische Studiengruppe aus dem Vereinigten Königreich hat herausgefunden, dass Gewalt in den Massenmedien vor allem bei jüngeren Jungen Begeisterung auslöst. Und diese Stimulation ist umso größer, je mehr sie zuvor mit anderen audiovisuellen Formen von Gewalt konfrontiert worden sind.

Squid Game - Schüler mit Smartphones
Die ständige Nutzung sozialer Netzwerke und die Exposition gegenüber Botschaften, die die Eltern nicht herausfiltern können, verstärken die kognitive Dissonanz bei jungen Menschen.

Die Bedeutung von Gruppendruck

Für Kinder und Jugendliche ist die Wirkung des Gruppendrucks nicht weniger wichtig als die audiovisuellen Produkte, die sie sich ansehen. Die psychischen Auswirkungen von Squid Game hängen mit dem Bedürfnis zusammen, dazuzugehören und nicht abgelehnt zu werden.

Wenn ein Klassenkamerad oder Freund die Netflix-Serie schaut und etwas aus der Serie kommentiert, will die andere Person sie auch sehen, um sich nicht ausgeschlossen zu fühlen. Und wenn einer dazu auffordert, eine Szene nachspielen, werden die anderen mitmachen, um nicht ausgegrenzt zu werden.

In einem Teufelskreis werden die negativen Einflüsse von audiovisuellen Serien reproduziert und verbreitet, weil es bei Jugendlichen ein Bedürfnis gibt, akzeptiert zu werden. Die Verbreitung von Nachahmungsspielen in der Pause hat ihre Grundlage in diesem Verhalten.

Die sozialen Nebenwirkungen von Squid Game zeigen sich bei Jugendlichen

Die größte soziale Gefahr der Einbürgerung von Gewalt ist der Mangel an Empathie. Wenn es normal und akzeptabel erscheint, andere zum eigenen Vorteil zu misshandeln, wird das soziale Gefüge zerstört.

Junge Menschen sind anfälliger dafür, sich diese nachgeahmten Verhaltensweisen anzueignen. Denn sie können den Unterschied zwischen Fiktion und Realität nicht vollständig verstehen. An dieser Stelle ist die elterliche Führung unerlässlich. Die Nebenwirkungen der Serie Squid Game würden nicht auftreten, wenn sich Erwachsene die Zeit nehmen würden, ihren Kindern zur Seite zu stehen und mit ihnen zu reden.

Die Verringerung der Gewalt unter Jugendlichen hängt nicht so sehr vom Verbot einer Netflix-Serie ab, sondern von der Ausübung der Rolle der Erwachsenen bei der Erziehung. Kinder unter 18 Jahren sollten die Serie nicht sehen, das ist klar; sie würden die Tiefe der Argumente nicht verstehen. Wenn sie es aber trotzdem sehen, vielleicht heimlich, dann müssen Eltern und Lehrer dafür sorgen, dass die Kinder das Gesehene auch wirklich verstehen.



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