Kann das Gehirn Schmerz fühlen?

6 Juni, 2020
Was tut bei Kopfschmerzen eigentlich weh, das Gehirn? Kann das Gehirn tatsächlich Schmerz empfinden? Unser Denkorgan interpretiert zwar Schmerzreize, doch es ist selbst nicht fähig, Schmerz zu spüren. Erfahre heute mehr über dieses Thema. 

Innerhalb des Schädels befinden sich verschiedene Strukturen, auch das Gehirn. Doch was schmerzt, wenn wir Kopfschmerzen spüren? Kann das Gehirn Schmerz fühlen?

Der medizinische Fachausdruck für Kopfschmerzen ist Cephalgie. Um zu verstehen, wie diese Schmerzen genau entstehen, müssen wir uns allerdings die verschiedenen Strukturen etwas genauer ansehen, die der Schädel umschließt. Dazu gehören die Gehirnhäute und Muskeln, das komplette Gehirn sowie die Nerven und Blutgefäße.

Anatomisch wird das Gehirn als Encephalon bezeichnet. Wir sprechen von dem Teil des zentralen Nervensystems, der  geschützt in der Schädelhöhle liegt und von Hirnhäuten umhüllt aus unzähligen Nervenzellen besteht.

Die Ursachen für Kopfschmerzen sind sehr vielseitig. Manchmal sind sie harmlos, werden von Stress oder Müdigkeit erzeugt und vergehen schnell wieder. Doch in anderen Fällen kann sich dahinter eine ernste Krankheit verstecken, wie dies zum Beispiel bei einem Hirnschlag der Fall ist.

Um der Frage nachzugehen, ob das Gehirn Schmerz fühlen kann, müssen wir wissen, ob im Gehirngewebe Schmerzrezeptoren vorhanden sind. Denn Körperbereiche, die nicht damit ausgestattet sind, können auch keinen Schmerz fühlen.

Das Gehirn hat keine Schmerzrezeptoren

Schmerzrezeptoren bezeichnet man fachsprachlich als Nozizeptoren. Es handelt sich um freie sensorische Nervenendigungen, die die Fähigkeit haben, Reize wahrzunehmen. Wenn ein Nozizeptor stimuliert wird, kann dies Schmerzen auslösen.

Die Nozizeptoren sind in verschiedenen Körpergeweben vorhanden, jedoch nicht im GehirnWenn sie stimuliert werden, zum Beispiel bei der Berührung einer heißen Oberfläche, übertragen sie über das Rückenmark Schmerzsignale ans Gehirn.

Manche Nozizeptoren befinden sich in der Haut, andere in verschiedenen Organen. Außerdem sind sie auch in Schleimhäuten und Muskeln zu finden.

Das Gehirn kann keinen Schmerz fühlen, da es nicht mit Schmerzrezeptoren ausgestattet ist. Es erhält die Information von den Nozizeptoren, die über den ganzen Körper verteilt sind, und interpretiert die Information. Allerdings befinden sich innerhalb des Schädels Strukturen, die schmerzempfindlich sind, da sie mit Nozizeptoren ausgestattet sind: die Hirnhäute oder fachsprachlich Meningen.

Da das Gehirn nicht schmerzempfindlich ist, kann es mit örtlicher Betäubung operiert werden, was bei vielen neurochirurgischen Eingriffen der Fall ist. Das Schädeldach wird geöffnet, um das Gehirn des Patienten zu operieren, der dabei bei Bewusstsein ist und keinen Schmerz wahrnimmt.

Kann das Gehirn Schmerz fühlen?
Das Gehirn hat keine Schmerzrezeptoren und ist deshalb auch nicht schmerzempfindlich.

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Das Gehirn kann keinen Schmerz fühlen, interpretiert jedoch die Schmerzsignale

Wie bereits erwähnt, kann das Gehirn keinen Schmerz fühlen, doch es ist dafür zuständig, die Schmerzsignale, die von den Nozizeptoren übermittelt werden, zu interpretieren. Für manche Neurologen ist deshalb die Aussage richtig, dass das Gehirn Schmerz generiert, denn es teilt uns mit, ob etwas schmerzt oder nicht.

Wenn ein Nozizeptor physische, thermische, chemische oder Druckveränderungen wahrnimmt, weist es das Gehirn darauf hin. Über das Rückenmark werden die Informationen der Schmerzrezeptoren an das Gehirn zur Interpretation weitergeleitet. 

Das Gehirn sammelt die Daten, verarbeitet sie und erstellt eine Antwort, die von unseren Erfahrungen und dem Gelernten abhängen. Unser Denkorgan gibt dann entsprechende Anweisungen, die erfüllt werden müssen. Wenn es Gefahr wittert, lautet der Befehl, die Hand zurückzuziehen, sich zu bewegen, zu springen, zu rennen oder vielleicht auch, die Situation noch etwas länger zu ertragen.

Manche Personen trainieren mit spezifischen Techniken, um Schmerz besser ertragen zu können. So zum Beispiel Boxer. Die Schläge, die sie erhalten, werden vom Gehirn registriert und formen Teil ihrer Erfahrungen. Bei weiteren Schlägen ist die Antwort des Gehirns nicht mehr dieselbe, denn es stehen ihm jetzt Informationen zur Verfügung, die eine bessere Entscheidung ermöglichen.

Allerdings gibt es Schmerzgrenzen, die über jede Erfahrung hinausgehen. Schmerzen sind ein Verteidigungsmechanismus des Körpers, um auf gesundheitliche Gefahren hinzuweisen. Ein gutes Erkennungssystem erhält uns als Spezies am Leben.

Mehr über die Anatomie des Gehirns erfährst du hier: Aufbau des Gehirns: die Gehirnlappen

Was schmerzt bei Kopfschmerzen?

Kann das Gehirn Schmerz fühlen?
Kopfschmerzen entstehen nicht direkt im Gehirn, sondern in benachbarten Strukturen.

Wir wissen jetzt, dass das Gehirn keinen Schmerz fühlen kann. Doch warum tut uns dann der Kopf weh? Die Antwort ist ganz einfach: Es gibt noch andere Strukturen in der Schädelhöhle, die schmerzen können.

Eine Cephalie kann in den Gehirnhäuten oder den Arterien entstehen. Auch die Halsmuskeln können durch eine Verspannung dazu führen. Das Gehirn interpretiert die Anzeichen, die von diesen Strukturen ausgehen und entscheidet dann, ob es sich um Schmerz handelt oder nicht. 

Durchblutungsstörungen sind sehr häufig die Ursache für Migräne. Wenn die Durchblutung der Arterien oder der Venen im Schädel behindert ist, weisen die Nozizeptoren der Blutgefäße das Gehirn darauf hin. Deshalb wirken manche Medikamente gegen Migräne gefäßverengend.

Das Gehirn kann keinen Schmerz fühlen, doch wir können es!

Zwar kann das Gehirn selbst keinen Schmerz fühlen, doch dies bedeutet nicht, dass wir selbst unfähig sind, diesen wahrzunehmen. Ganz im Gegenteil: Das Gehirngewebe stellt durch die Schmerzerfahrung eine Verbindung zur Außenwelt her und interpretiert gleichzeitig innere Körperprozesse durch entsprechende Nozizeptoren in den Organen. Das Gehirn nimmt Schmerzen nicht wahr, aber wir selbst schon!

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