Der schmale Grat zwischen Selbstmitgefühl und Selbstmitleid

Es ist ein schmaler Grat zwischen Selbstmitgefühl und der Opferrolle. Was kannst du tun, um zu verhindern, dass du in Selbstmitleid verfällst? Klare Ziele zu setzen ist ein guter Anfang.
Der schmale Grat zwischen Selbstmitgefühl und Selbstmitleid

Letzte Aktualisierung: 31. Oktober 2021

Es gibt gewisse Unterschiede zwischen Selbstmitgefühl und Selbstmitleid, also einer Opferrolle. Je nach der eigenen Einstellung können die Grenzen jedoch manchmal verschwimmen, was sehr schädliche Auswirkungen haben kann.

Selbstmitgefühl bedeutet, Mitgefühl mit sich selbst zu haben. Das Werte-Lexikon der Values Academy definiert Mitgefühl folgendermaßen: “Anteilnehmendes Fühlen (Empfinden) mit der Situation eines anderen Individuums”.

Experten wie der Autor Jack Kornfield weisen darauf hin, dass Mitgefühl aus dem Bewusstsein erwächst, dass wir mit allen Dingen verbunden sind und dass es Teil unserer tiefsten Natur ist.

Selbstmitgefühl ist also grundsätzlich etwas sehr Positives. Denn es bedeutet, dass wir uns selbst gegenüber verständnisvoll sind, anstatt uns zu kritisieren, wenn wir etwas falsch machen.

Deshalb definieren die Fachleute Simón und Germer, die sich mit dem Selbstmitgefühl aus der Perspektive der Achtsamkeit und des Buddhismus beschäftigen, es so:

“Uns selbst die gleiche Fürsorge, den gleichen Trost und die gleiche Gelassenheit zu geben, die wir natürlich auch denen geben, die wir lieben und die leiden, wenn sie versagen oder sich unzulänglich fühlen.”

Was könnte daran falsch sein?

Selbstmitgefühl und die Opferrolle

Anstatt Selbstmitgefühl als Werkzeug zu nutzen, um nicht zu streng mit uns selbst zu sein und uns zu ermutigen, unser Bestes zu geben, könnte man sich auch in Selbstmitleid und in eine Opferrolle flüchten.

Wenn sich jemand in diese Opferrolle begibt, kann dies dazu führen, dass sich dieser Mensch unverantwortlich verhält, sich vor der eigenen Verantwortung drückt oder sich den eigenen Problemen nicht stellt. Wer sich in die Opferrolle und in Selbstmitleid flüchtet, macht häufig andere für die eigenen Probleme verantwortlich.

Das Problem bei Selbstmitleid besteht also darin, dass diese Menschen keine Verantwortung für die Schwierigkeiten in ihrem eigenen Leben übernehmen. Infolgedessen fühlen sie sich wie Opfer und kommen im Leben nicht voran.

Selbstmitgefühl - traurige Frau

Selbstmitgefühl oder Selbstmitleid?

Menschen, die sich übermäßig selbst bedauern und bemitleiden und sich ständig in die Opferrolle begeben, haben oft ein geringes Selbstwertgefühl. Außerdem haben sie nicht das Gefühl, dass sie in der Lage sind, ihre Probleme lösen zu können.

Daher leiden diese Menschen immer weiter, während sie darauf warten, dass jemand anderes all ihre Probleme löst. Es liegt auf der Hand, dass Menschen, die sich in eine Opferrolle begeben, Schwierigkeiten haben, erfolgreich zu sein, ihre Herausforderungen zu bewältigen und ihre Ziele zu erreichen.

Wer sich ständig selbst bemitleidet, kann zu einem ewigen Opfer werden, das Gott, den Nachbarn, dem Glück, dem Leben, seinem Partner oder wem auch immer die Schuld an der eigenen Situation gibt. Wenn man sich selbst als schwach und wehrlos sieht, kann man das eigene Leben nie in den Griff bekommen.

Woher kommt dieses Gefühl?

Viele Menschen bemitleiden sich selbst und fühlen sich als Opfer aufgrund der Botschaften, die ihre Eltern ihnen in ihrer Jugend vermittelt haben. Hier sind nur einige Beispiele dafür:

  • “Du armes Ding, du kannst deine Arbeit jetzt nicht erledigen.”
  • “Du kannst nichts dafür, es geht dir eben einfach nicht gut.”
  • “Dir passiert immer etwas Schlimmes.”
  • “Es ist nicht dein Schuld, dass dir das passiert ist.”

Natürlich hören Kinder derartige Botschaften und verinnerlichen sie nach und nach, bis sie sie als Erwachsene vollkommen in ihr eigenes Repertoire aufgenommen haben.

Ein anderer Grund könnte sein, dass ein Kind beobachtet, wie seine Eltern sich selbst zum Opfer machen und stets die Verantwortung auf andere schieben. Dann fängt das Kind an, dieses Verhalten zu imitieren.

Wenn ein Kind tatsächlich Opfer eines Missbrauchs war, kann sich dies auf den Rest seines Lebens auswirken, sofern es das Problem nicht in einer Therapie aufarbeitet.

Selbstmitgefühl - Kind im Arm der Mutter

Ein weiterer aufschlussreicher Artikel: Eigenschaften eines Kinderschänders

Selbstmitgefühl: Wie du vermeiden kannst, in die Opferrolle zu verfallen

  • Mache dir die negativen Konsequenzen bewusst. Denke daran, dass dich dieses Gefühl nur verletzt und deine Fähigkeiten und dein Potenzial einschränkt.
  • Höre auf, nach der Ursache zu suchen. An diesem Punkt spielt es keine Rolle mehr, wie alles angefangen hat. Wichtig ist, dass du daran arbeitest, dich zu verändern, damit du nicht in einen ewigen Kreislauf des Selbstmitleids gerätst.
  • Beklage dich nicht ständig. Versuche, die positive Seite der Dinge zu sehen. Bemühe dich darum, alles, was du im Leben hast, zu betrachten und Dankbarkeit zu praktizieren.
  • Höre auf, dich selbst zu bemitleiden. Strebe  nicht länger danach, die Aufmerksamkeit anderer zu bekommen und übernimm stattdessen die Verantwortung für die Situation, in der du dich befindest.
  • Fange an, das Problem zu lösen. Höre auf damit, andere Menschen darum zu bitten oder von ihnen zu erwarten, deine eigenen Probleme für dich zu lösen. Denke stets daran: Je mehr du von anderen Menschen verlangst, desto mehr Kontrolle gibst du ab.
  • Verhalte dich wie ein Erwachsener. Denke daran, dass du kein hilfloses Kind mehr bist, das von deinen Eltern beschützt werden muss. Du bist ein erwachsener Mensch und trägst die Verantwortung für dein eigenes Leben.
  • Setze dir Ziele. Dann verfolge deine Ziele mit einer entschlossenen Einstellung.

Alles, was dir widerfahren ist, gehört der Vergangenheit an. Lasse dein Selbstmitleid los und höre auf, dich in die Opferrolle zu begeben. Heute ist ein neuer Tag, und du kannst damit beginnen, auf eine völlig andere Art zu leben. Übernimm die Kontrolle über dein Leben und finde heraus, wie weit du es bringen kannst. Es ist nie zu spät!



  • Alonso Maynar, M., & Germer, C. K. (2016). Autocompasión en Psicoterapia y el Programa Mindful Self Compassion: ¿Hacia las Terapias de Cuarta Generación? Revista de Psicoterapia. https://doi.org/10.33898/rdp.v27i103.111
  • Aranda, G., Elcuaz, M. R., Fuertes, C., Güeto, V., Pascual, P., & Sainz de Murieta, E. (2018). Evaluación de la efectividad de un programa de mindfulness y autocompasión para reducir el estrés y prevenir el burnout en profesionales sanitarios de atención primaria. Atención Primaria. https://doi.org/10.1016/J.APRIM.2017.03.009
  • Araya, C., & Moncada, L. (2016). Auto-compasión: origen, concepto y evidencias preliminares. Revista Argentina de Clínica Psicológica, 25(1), 67-78.
  • Elices, M., Carmona, C., Pascual, J. C., Feliu-Soler, A., Martin-Blanco, A., & Soler, J. (2017). Compassion and self-compassion: Construct and measurement. Mindfulness & Compassion. https://doi.org/10.1016/j.mincom.2016.11.003
  • Gálvez Galve, J. (2012). Revisión del concepto psicológico de la autocompasión. Medicina Naturista.