Hypermobilitätssyndrom der Gelenke: Was ist das und wie geht man damit um?

Das Hypermobilitätssyndrom der Gelenke ist eine seltene und oft unterschätzte Erkrankung. Hierbei handelt es sich um Gelenkbewegungen, die über das normale Maß hinausgehen und von Schmerzen begleitet werden.
Hypermobilitätssyndrom der Gelenke: Was ist das und wie geht man damit um?
Maryel Alvarado Nieto

Geschrieben und geprüft von der Medizinerin Maryel Alvarado Nieto.

Letzte Aktualisierung: 05. November 2022

Der Begriff “Gelenkhypermobilität” bezieht sich auf einen Zustand, bei dem der Bewegungsumfang der Gelenke unter Berücksichtigung von Alter und Geschlecht der Person größer ist als normal. Das Hypermobilitätssyndrom der Gelenke (HMS) ist eine Erkrankung, bei der neben einer erhöhten Beweglichkeit der Gelenke auch andere Symptome, insbesondere Schmerzen, auftreten.

Diese Erscheinungen sind mit der Zeit schwächend und beeinträchtigen die Lebensqualität.

Es ist erstaunlich, dass die Diagnose von HMS oft erst spät gestellt wird. Einige Autoren behaupten sogar, dass sich die Diagnose um durchschnittlich sechseinhalb Jahre verzögert. Offenbar liegt das an der geringen Häufigkeit.

Darüber hinaus ist es nicht möglich, mit herkömmlichen Untersuchungsmethoden eine Läsion nachzuweisen, die auf ein Hypermobilitätssyndrom hindeutet. Das erschwert eine rechtzeitige Diagnose.

Was ist das Hypermobilitätssyndrom und warum tritt es auf?

Die Mechanismen, die an der Entstehung des Hypermobilitätssyndroms der Gelenke beteiligt sind, sind teilweise unbekannt. Allerdings gibt es Theorien, die das HMS mit Veränderungen einiger Komponenten des Bindegewebes in Verbindung bringen.

Dieser Verdacht stützt sich auf die Tatsache, dass Bindegewebe im gesamten Körper vorhanden ist. Dies würde sowohl die große Variabilität der damit verbundenen Symptome als auch die Vielfalt der betroffenen Organe erklären.

Darüber hinaus scheint das Hypermobilitätssyndrom eine erbliche Komponente zu haben, denn es lässt sich ein autosomal dominantes Muster beobachten. Das bedeutet, dass das Kind eines Betroffenen ein 50-prozentiges Risiko hat, ebenfalls daran zu erkranken.

Hypermobilitätssyndrom und die Genetik

Bei Patienten mit dem Hypermobilitätssyndrom wurden Veränderungen der Kollagenfasern vom Typ III festgestellt. Dadurch erscheinen diese Fasern in der Elektronenmikroskopie dünner als in der Allgemeinbevölkerung.

Die strukturelle Veränderung des Kollagens führt zu einer Schwächung der Gewebe, aus denen es besteht, und damit zu einer Überbeweglichkeit der Gelenke. Diese Gewebeschwäche wird auch für die anderen Symptome verantwortlich gemacht, die bei Patienten mit HMS beobachtet werden.

Allerdings erkannte man nicht nur die Mutation in dem Gen, das für Kollagen kodiert, sondern auch eine Veränderung im Tenascin-X-Glykoprotein-Gen. Dies ist jedoch nur bei 5 bis 10 % der Patienten der Fall, sodass eine normale genetische Untersuchung ein HMS nicht ausschließt.

Hypermobilitätssyndrom und DNA
Obwohl es eine genetische Komponente des HMS gibt, erklärt diese nicht 100 % der Fälle.

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Risikofaktoren für das Hypermobilitätssyndrom

Die Prävalenz des HMS schwankt je nach Literatur und wird auf 1 bis 5 Personen pro 10.000 Einwohner geschätzt. Allerdings sind Frauen stärker betroffen.

Außerdem ist das Hypermobilitätssyndrom bei Asiaten und Menschen afrikanischer Abstammung häufiger als bei Kaukasiern. Des Weiteren scheint die Prävalenz mit dem Alter zu sinken.

Einige der damit verbundenen Risikofaktoren sind die folgenden:

  • Fettleibigkeit
  • Trauma
  • Intensive körperliche Aktivität
  • Familienanamnese von HMS
  • Hypermobilität des Kiefergelenks

Symptome im Zusammenhang mit dem Hypermobilitätssyndrom

Die meisten Patienten mit HMS haben Gelenkschmerzen (Arthralgie), die schubweise auftreten und sich zu chronischen Schmerzen entwickeln. Dies verursacht Angst vor der Mobilisierung des Gelenks (Kinesiophobie). Allerdings führt die Bewegungslosigkeit zu einer Atrophie der Muskulatur, wodurch das Gelenk noch instabiler wird.

Menschen, die unter ständigen Schmerzen leiden, entwickeln häufig ein chronisches Müdigkeitssyndrom.

Zusätzlich zu Arthralgie treten bei einigen Gelenksymptomen auch Steifheit, Knirschen und ein Gefühl der Instabilität auf. In der Regel verschlimmern sich die Schmerzen bei sich wiederholenden Bewegungen und bessern sich bei Ruhe.

Am häufigsten sind die Schultern, Knie, der Nacken und die Knöchel betroffen. Zu den beschriebenen extraartikulären Symptomen gehören die folgenden:

  • Kopfschmerzen
  • Schlafstörungen
  • Muskelkrämpfe
  • Tachykardie und Herzrasen
  • Augentrockenheit (Xerophthalmie)
  • Kapillarbrüchigkeit mit Hämatomen und Ekchymosen
  • Emotionale Störungen: Depressionen, Angstzustände und Panikattacken
  • Gastrointestinale Störungen: wiederkehrende Bauchschmerzen und Reizdarm

Wie kann es diagnostiziert werden?

Das Hypermobilitätssyndrom ist schwer zu diagnostizieren, da es keine ergänzenden Tests gibt, die es bestätigen. Der Verdacht ist rein klinisch und daher muss die Diagnose durch den Ausschluss anderer Krankheiten gestellt werden.

Es gibt verschiedene Kriterien, die dem Arzt oder der Ärztin helfen können. Die derzeit am weitesten akzeptierte Methode ist die von Brighton beschriebene.

Suche nach anderen Erkrankungen und Komplikationen

Dem HMS wird eine gutartige Komponente zugeschrieben, um es von anderen Bindegewebserkrankungen zu unterscheiden, die als ernster gelten. Die Symptome, die es hervorruft, können jedoch aufgrund der verminderten Lebensqualität verheerend sein.

Darüber hinaus wurde bei Patienten mit HMS eine höhere Häufigkeit von Pathologien festgestellt, was es notwendig macht, derartige Krankheiten auszuschließen:

  • Arthrose
  • Fibromyalgie
  • Aortendilatation
  • Mitralklappenprolaps
  • Angeborene Hüftdysplasie

Die Beteiligung des Bindegewebes erhöht das Risiko von Verrenkungen und Sehnenentzündungen. Daher sind die Patienten anfälliger für Osteopenie und Frakturen. Außerdem kommt es durch die zunehmende Schwäche der Bauchdecke und des Beckenbodens auch zu Leistenbrüchen sowie Mastdarm- und Gebärmuttervorfällen.

Differenzialdiagnosen

Da es sich beim HMS um eine Ausschlussdiagnose handelt, ist es wichtig, andere Krankheiten auszuschließen:

  • Ehlers-Danlos-Syndrom
  • Osteogenesis imperfecta
  • Marfan-Syndrom
Hypermobilitätssyndrom - Mann in Unterwäsche
Leistenbrüche kommen bei Patienten mit HMS häufiger vor, da die Bauchdecke lockerer ist.

Wie kann das Hypermobilitätssyndrom behandelt werden?

Es gibt keine spezifische Behandlung für das Hypermobilitätssyndrom. Daher versucht man durch Einsatz von Medikamenten die Symptome in den akuten Phasen zu kontrollieren. Hierbei handelt es sich um Schmerzmittel wie Paracetamol (immer auf ärztliche Anordnung).

Entzündungshemmende Medikamente gelten aufgrund ihrer unerwünschten Wirkungen nicht als erste Wahl. Auch von Opioiden wird bei den meisten Patienten abgeraten.

Das Schmerzempfinden hat eine emotionale Komponente, die schwer zu behandeln ist. Daher kann der Arzt oder die Ärztin Antidepressiva und einige Antikonvulsiva verschreiben. Allerdings sollte die Einnahme dieser Medikamente nicht zu lange erfolgen.

Vitamine und das Hypermobilitätssyndrom

Einige Studien schlagen vor, ein Vitamin-C-Präparat als Hilfsmittel für die Kollagensynthese zu verschreiben. Wie bei der Kollageneinnahme gibt es jedoch keine Belege für den Nutzen.

Bei Osteopenie sollten Kalzium und Vitamin D verschrieben werden, bei Bedarf auch Bisphosphonate. Es ist ratsam, die zugrundeliegende Pathologie zu behandeln und Übergewicht zu reduzieren.

Körperliche Aktivität von Patienten mit dem Hypermobilitätssyndrom

Obwohl es keine spezifische Behandlung für das Hypermobilitätssyndrom gibt, ist eine Physiotherapie bei diesen Patienten unerlässlich. Denn durch schrittweise körperliche Konditionierung kann die Muskulatur gestärkt und die Haltung verbessert werden. Allerdings sollten die Übungen regelmäßig und mit geringer Belastung durchgeführt werden.

Ziel ist es, koordinierte Gelenkbewegungen zu erreichen, die Mikrotraumata reduzieren. Daher ist Physiotherapie von entscheidender Wichtigkeit.

Darüber hinaus empfiehlt sich zügiges Gehen für 30 Minuten pro Tag auf flachem Boden und mit geeignetem Schuhwerk. Außerdem empfehlen einige Autoren die Verwendung von Hilfsmitteln wie Einlagen, Knieschonern und Lendengurten.

Zudem haben sich kognitive Verhaltenstherapie und Entspannungstechniken bei der Behandlung dieser Erkrankung als nützlich erwiesen.

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