Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen: Was tun?

16 Juli, 2020
Wir sprechen heute über Handlungen, bei denen sich Jugendliche bewusst verletzen oder Schmerz zufügen. Wenn dieses Verhalten länger andauert, kann es sich um eine psychische Störung handeln.

Selbstverletzendes Verhalten (SVV) ist ein ernstes Problem, das bei Jugendlichen leider immer häufiger zu beobachten ist. Faktoren wie die familiäre Situation, die soziale Umgebung oder auch neue Technologien spielen dabei eine wichtige Rolle.

Wir laden dich heute ein, mit uns über dieses Problem nachzudenken. Besonders wichtig ist, bei ersten Anzeichen auf Selbstverletzungen zu handeln, damit die Situation nicht schlimmer wird. Wir gehen auch den Ursachen auf den Grund und betrachten verschiedene Handlungsmöglichkeiten.

Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen

Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen

Selbstverletzungen von Jugendlichen sind für viele Familien und auch für unsere Gesellschaft zu einem Problem geworden. Es handelt sich um ein frühes Alarmzeichen, das auf psychologische Probleme hinweist und unter anderem zu Suizidversuchen führen könnte, wenn diese zum Teil ernste Störung nicht rechtzeitig entdeckt und behandelt wird.

Verschiedene Faktoren können Selbstverletzungen begünstigen. Doch es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass unabhängig von den Auslösern jedes selbstverletzende Verhalten von einem Experten diagnostiziert und behandelt werden muss. Nur ein Facharzt oder Psychologe kann entscheiden, welche Therapie im Einzelfall anzuwenden ist, um das Problem zu lösen.

Welche familiären Faktoren können selbstverletzendes Verhalten auslösen?

Verschiedene Studien weisen auf familiäre Faktoren hin, die Selbstverletzungen bei Jugendlichen auslösen oder begünstigen könnten. Dazu gehören beispielsweise folgende:

  • Physischer oder sexueller Missbrauch
  • Selbstmordfälle in der Familie
  • Psychologische Störungen in der direkten Familie
  • Dysfunktionale Familie, chaotische Familienverhältnisse
  • Kommunikationsprobleme und Probleme mit der emotionalen Bindung zwischen Eltern und Kindern. Umfeld, in dem Zorn, Gereiztheit und emotionale Schwierigkeiten vorherrschen.

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Umgang mit emotionaler Angst und Beklemmung bei Jugendlichen

Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen

Die erwähnten Faktoren lösen ein emotionales Ungleichgewicht aus, das wiederum zu Selbstverletzungen führen kann. Mit dem selbstverursachten Schmerz versuchen Betroffene, ihre Ängste und ihr psychisches Unwohlsein durch dieses falsche Verhalten zu lindern.

Die Anzeichen können in manchen Fällen so subtil und die Methoden so raffiniert sein, dass sie auf den ersten Blick nicht erkannt werden können. Sobald jedoch mögliche Anzeichen vorliegen, müssen diese unbedingt beachtet werden. Spezifische Fragen sind in diesem Fall sehr hilfreich:

  • Verstehen, respektieren und fördern die Eltern den emotionalen Ausdruck des Jugendlichen? Die Familie könnte sich in manchen Fällen bei sehr häufigen und intensiven Ausdrücken überfordert fühlen.
  • Verschlimmern die Eltern die Ängste des jugendlichen Kindes durch übermäßige Kritik oder Einbeziehung?
  • Versucht der Jugendliche, die Aufmerksamkeit der Eltern zu erlangen, da er emotionale Bedürfnisse hat? Oder will er damit möglichen Anforderungen der Eltern entkommen?

Familiäre und andere Faktoren

Forschungen legen nahe, dass in solchen familiären Situationen Ablehnung und Druck seitens der Eltern, zu noch mehr Zorn und Frust bei betroffenen Jugendlichen führen. Sie interpretieren die Problematik als Herausforderung und reagieren bei jedem Vorschlag mit Resistenz.

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Zusätzlich zum familiären Kontext spielen auch andere Faktoren eine wichtige Rolle. Selbstverletzendes Verhalten ist oft auch auf die emotionale Verletzlichkeit in der Jugend zurückzuführen, denn es handelt sich um eine Lebensphase mit vielen Veränderungen. 

Der Jugendliche reagiert nicht nur auf familiäre Situationen sensibler, sondern auch auf seine soziale Umgebung. In diesem Kontext darf die typische Widerspenstigkeit und Ablehnung von Normen nicht vergessen werden. Außerdem ahmen Jugendliche ihre Freunde nach und sind sehr beeinflussbar. In diesem Sinne sind Selbstverletzungen auch eine Modeerscheinung, die manchen sehr attraktiv erscheint.

Zuletzt dürfen wir die Rolle der neuen Technologien nicht vergessen. Die übermäßige oder falsche Verwendung kann dazu führen, dass Jugendliche zum Beispiel ein virtuelles Leben idealisieren, in dem Gewalt vorherrscht. 

Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen: Was tun?

Professionelle Hilfe ist auf jeden Fall wesentlich, um den Ursachen und Einflussfaktoren auf den Grund zu gehen und gleichzeitig die Persönlichkeit des betroffenen Jugendlichen zu analysieren. Immer mehr Aufklärungskampagnen und Vorsorgeprogramme auf erzieherischer und medizinischer Ebene weisen auf die Wichtigkeit hin, bei Selbstverletzungen einen Psychologen aufzusuchen.

Dabei ist nicht zu vergessen, dass es sich in manchen Fällen um eine mentale Störung handeln könnte. Die zunehmende Anzahl an Betroffenen zeigt allerdings, dass viele damit Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Emotionen zu managen. Professionelle Hilfe ist deshalb grundlegend, um das Problem schnellstmöglich zu lösen und weitere Komplikationen zu vermeiden.

Die Eltern dürfen nicht vergessen, dass ein Kind, das sich selbst Verletzungen und Schmerz zufügt, ganz besonders viel Verständnis und Zuneigung benötigt. Sie müssen ihm zuhören, ihm die Hand reichen und es immer ernst nehmen. Falsches Verhalten seitens der Eltern führt nur zu Ablehnung und Oppositionsverhalten, was die benötigte Hilfe erschwert.

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