Gesunder Egoismus: Was ist das und wie kannst du ihn kultivieren?

Gesunder Egoismus bedeutet, dass man zuerst für sein eigenes Wohlergehen sorgt, um dann anderen zu helfen. Hier erfährst du, wie wichtig er ist und wie du ihn fördern und kultivieren kannst.
Gesunder Egoismus: Was ist das und wie kannst du ihn kultivieren?
Maria Alejandra Morgado Cusati

Geschrieben und geprüft von der Philosophin Maria Alejandra Morgado Cusati.

Letzte Aktualisierung: 04. August 2022

Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Etikett “egoistisch” eine negative Konnotation hat. Von klein auf wird uns beigebracht, dass Aufopferung für andere Stärke und echte Großzügigkeit bedeutet. Allerdings solltest du wissen, dass nicht jede Form von Egoismus schlecht ist. Gesunder Egoismus ist für dein Wohlbefinden sehr wichtig. Aber was genau bedeutet das eigentlich?

Die Real Academia Española (Königlich Spanische Akademie) definiert Egoismus als “maßlose und übermäßige Liebe zu sich selbst, die dazu führt, dass man seinen eigenen Interessen übermäßig viel Aufmerksamkeit schenkt, ohne sich um die Interessen anderer zu kümmern.” Vielen ist jedoch nicht bewusst, dass es eine Art von Egoismus gibt, der nicht um jeden Preis das eigene Vergnügen sucht, sondern stattdessen das eigene Wohlbefinden zum Ziel hat, ohne andere zu vernachlässigen oder sie zu schädigen.

In diesem Fall sprechen wir von einem gesunden Egoismus. Er beinhaltet die Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen und das zu tun, was man wirklich will, ohne sich deswegen schuldig zu fühlen. Gesunder Egoismus ist nicht nur positiv, sondern auch sehr wichtig. Denn wenn jemand nicht in der Lage ist, sich um sich selbst zu kümmern, wird er kaum in der Lage sein, anderen zu helfen.

Schauen wir uns das genauer an.

Was ist gesunder Egoismus?

Die Spezialisten für dieses Thema, Richard und Rachael Heller, definieren gesunden Egoismus als die Fähigkeit, “die eigenen Bedürfnisse und Gefühle zu respektieren, auch wenn andere das nicht tun… Vor allem, wenn andere es nicht tun.”

In diesem Sinne bedeutet gesunder Egoismus, dass man sich um sich selbst kümmert und auf sich achtet, um für andere da zu sein. Wenn wir uns nicht auf uns selbst konzentrieren und Dinge für unser eigenes Wohlergehen tun, werden wir kaum in der Lage sein, uns um andere zu kümmern, ohne uns selbst zu schaden.

Ein ziemlich häufiges und offensichtliches Beispiel für den Mangel an gesundem Egoismus sind Mütter, die nur an die Bedürfnisse anderer denken (Kinder, Partner, Eltern) und sich selbst dabei vergessen. In diesen Fällen erlauben es sich Mütter nicht, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Und wenn sie es doch tun, fühlen sie sich schuldig.

Die persönliche Vernachlässigung und die Schuldgefühle, die diese Frauen empfinden, sind das Ergebnis kultureller Überzeugungen. Diese Überzeugungen schreiben vor, dass eine “gute Mutter” völlig selbstlos und bedingungslos sein und sich in den Dienst anderer stellen sollte. Das ist eine sehr ungesunde Überzeugung, vor der wir uns alle in Acht nehmen müssen.

Faktoren, die darauf hindeuten, dass es dir an gesundem Egoismus mangelt

Die Gesellschaft ermutigt die Menschen dazu, all ihre Anstrengungen auf ihr Engagement und ihre Hingabe für andere zu richten und dabei sich selbst zu vergessen. Allerdings gibt es zudem noch verschiedene persönliche Variablen, die ebenfalls dazu führen, dass es einem Menschen an gesundem Egoismus mangelt.

Hier sind einige der häufigsten.

Gesunder Egoismus - Frau wehrt mit der Hand ab
Zum gesunden Egoismus gehört auch, dass man in der Lage ist, bestimmte Praktiken zu stoppen, die als altruistisch bezeichnet werden, obwohl sie tatsächlich schädlich sind.

Ein geringes Selbstwertgefühl

Unverhältnismäßiges Engagement für andere kann von einem geringen Selbstwertgefühl herrühren. Um dieses mangelnde Selbstwertgefühl zu stärken, tut jemand vielleicht alles dafür, um sich die Anerkennung oder Liebe anderer “zu verdienen”.

Das ist jedoch eine schlechte Investition. Am Ende fühlt sich die Person frustriert, weil sie viel gibt und wenig oder gar nichts zurückbekommt. Wenn sie dann Aufmerksamkeit erhält, fühlt es sich wie eine erkaufte Liebe an.

Untätigkeit in Bezug auf die eigenen Lebensziele

Auf einer unbewussten Ebene kann die Aufopferung aus einer echten Angst heraus entstehen, die eigenen Träume nicht erreichen zu können. Daher ist die perfekte Ausrede dafür, sich nicht um die eigenen Ziele zu kümmern: “Ich habe keine Zeit dafür, weil andere mich brauchen.”

Unsere Gesellschaft legt großen Wert auf diejenigen, die sich für andere aufopfern. Wenn wir das tun, haben wir also einen idealen unbewussten Vorwand, um unsere eigenen Illusionen und Ängste zu verbergen. Es ist einfacher zu sagen: “Ich konnte etwas nicht bekommen, weil ich mein Leben meiner Familie gewidmet habe”, als: “Ich konnte es nicht bekommen, weil ich nicht wusste, wie.”

Gesunder Egoismus und die damit verbundenen Vorteile

Die Förderung eines gesunden Egoismus hilft dir in Bezug auf folgende Aspekte:

  • Du stärkst deine Selbstliebe.
  • Du wirst glücklicher und zufriedener sein.
  • Verbesserung der allgemeinen Gesundheit. Indem du deine Bedürfnisse in den Vordergrund stellst, hilft dir das, Stress und seine Folgen abzubauen.
  • Du fühlst dich weniger schuldig. Wenn du “Nein” zu etwas sagst, das du nicht möchtest, bekräftigst du deine Verpflichtung gegenüber dir selbst und nicht gegenüber anderen.
  • Du kannst andere effektiver unterstützen. Wenn du dich selbst an die erste Stelle setzt und dich um dich selbst kümmerst, hast du mehr Energie, um den Menschen um dich herum zu helfen.
  • Darüber hinaus kannst du den gegenwärtigen Moment mehr und intensiver genießen.
  • Außerdem wirst du bessere und gesündere Beziehungen haben.

Gesunder Egoismus und wie du ihn fördern kannst

Jetzt, da du einige der Vorteile kennst, die ein gesunder Egoismus mit sich bringt, solltest du nicht länger zögern und ihn gleich in die Praxis umsetzen! Hier erfährst du, wie das geht.

Gesunder Egoismus: Erkenne deine eigenen Bedürfnisse

Wenn du deinen Bedürfnissen mehr Aufmerksamkeit schenken willst, musst du diese zunächst einmal kennen.

Das mag einfach klingen, aber für manche Menschen ist das gar nicht so einfach, vor allem für diejenigen, die sich daran gewöhnt haben, die Bedürfnisse ihrer Familie und Freunde zu erfüllen.

Um deine Bedürfnisse zu erkennen, frage dich: “Was will ich wirklich?” Nimm dir die Zeit, auf dich und deine Bedürfnisse zu hören.

Lerne, Nein zu sagen

Zusammenarbeit, Toleranz und Verständnis sind positive Werte, solange du Nein sagen kannst.

Daher solltest du nicht ja sagen, wenn du nicht willst. Tausend Rechtfertigungen zeigen nur, dass du nicht von deinem uneingeschränkten Recht überzeugt bist, etwas abzulehnen.

Gesunder Egoismus: Nimm dir Zeit für dich

Versuche mindestens einmal pro Woche etwas zu tun, was dir Spaß macht. Das wird dir helfen, Spannungen abzubauen. Überlege dir, was du gerne tun würdest, wenn du mehr freie Zeit hättest. Dann tu es!

Gesunder Egoismus - Frau mit einem Kaffee
Momente für dich sind Freiräume, die dich mit Energie aufladen und dir erlauben, das Leben zu genießen.

Delegiere Aktivitäten

Wenn du anfängst, dich mehr um dich selbst zu kümmern und “Nein” zu den Forderungen und Erwartungen anderer zu sagen, wirst du tatsächlich die Aktivitäten delegieren müssen, die du getan hast, um die Bedürfnisse deiner Mitmenschen zu erfüllen. So kannst du nicht nur deine eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen, sondern auch die Autonomie anderer fördern.

Wenn du Aufgaben delegierst, musst du die andere Person wahrscheinlich anweisen, wie sie sie erledigen soll. Aber mische dich nicht weiter ein.

Gesunder Egoismus: Umgang mit Angst und Schuldgefühlen

Du solltest dir darüber bewusst sein, dass dir bei der Arbeit an einem gesunden Egoismus wahrscheinlich zwei Saboteure im Weg stehen: Angst und Schuldgefühle. Es wird nicht leicht sein, aber du musst dich darauf konzentrieren, was dich am Ende der Reise erwartet.

Wenn du es schaffst, für dich selbst zu sorgen und dich zu verwöhnen, ohne dich schuldig zu fühlen, wirst du ein Gefühl der Befreiung erleben.

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  • Heller R,  Heller R. Egoísmo sano: cómo cuidar de uno mismo sin sentirse culpable. España: Urano; 2007.
  • Real Academia Española. Egoísmo [Internet]. Madrid: Real Academia Española; 2021 [revisado 1 oct 2021]. Disponible en: https://dle.rae.es/ego%C3%ADsmo