Wissenswertes über Ablederungswunden

22 Juli, 2020
Ablederungswunden entstehen in der Regel nach einem Trauma, bei dem tiefer liegende Weichteilschichten schwer verletzt werden und deshalb das Knochengewebe sichtbar wird.

Traumatische Verletzungen, bei denen tief liegende Weichteilschichten (Muskelfaszien) verletzt werden, bezeichnet man als Ablederungswunden. Es handelt sich um großflächige Verletzungen, die meist an den Extremitäten erfolgen und das Knochengewebe freilegen.

Für die daraus entstehenden Konsequenzen gibt es oft keine Lösung. Wenn diese Art von Verletzung am Kopf oder Rumpf entsteht, verläuft sie meist tödlich.

Ablederungswunden: Klassifikation

Ablederungswunden: Klassifikation
Je nach Schweregrad und Ausmaß der Verletzung werden verschiedene Arten von Ablederungswunden klassifiziert.

Die Klassifikation dieser Weichteilverletzungen ist hilfreich, um das wahre Ausmaß und die möglichen Folgen zu verstehen. Wir folgen der Einteilung von Tscherne, die in einer 2014 in der Zeitschrift Colombia Médica veröffentlichten Studie anhand des Beispiels eines Schienbeinbruches mit Weichteilverletzungen beschrieben wird.

Tscherne teilt die Weichteilverletzungen je nach Schweregrad in folgende Gruppen ein:

Grad 0

Es handelt sich um einfache Frakturformen, zum Beispiel um einen Torsionsbruch des Schienbeins bei Skifahrern. Es ist keine oder nur eine geringe Weichteilverletzung vorhanden.

Grad I

Einfache bis mittelschwere Verletzung, wie zum Beispiel eine Verrenkung des Knöchels (Luxation). Die dabei freigesetzte Energie führt zu einer leichten bis mittelschweren Kontusion der Weichteile. Durch den Fragmentdruck können Verletzungen in tieferen Weichteilschichten entstehen.

Grad II

Die Gewalteinwirkung führt zu mittelschweren bis schweren Frakturformen und Verletzungen der Weichteile. Ein Beispiel dafür ist eine geschlossene Mehrfragmentfraktur des Schienbeins durch einen Verkehrsunfall.

In diesen Fällen ist der Druck auf die Weichteile im Augenblick der Verletzung sehr groß und in der Folge entsteht eine tiefe Kontusion. Außerdem droht durch die direkte Gewalteinwirkung ebenfalls ein Kompartmentsyndrom.

Wir empfehlen dir auch diesen Beitrag: Knochenmetastasen: Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Grad III

Wir sprechen in diesem Fall von schweren Frakturformen mit Muskel- und Weichteilverletzungen:

  • Verletzung eines Hauptgefäßes
  • Schweres Kompartmentsyndrom: Ernste Beeinträchtigung durch hohen Druck auf das Gewebe in osteofaszialen oder faszialen Kompartimenten. Mögliche Beschädigung der Nerven und Muskulatur sowie Durchblutungsstörungen.
  • Tiefe Hautkontusion
  • Decollement (Ablederungswunden)

Ablederungswunden sind also die Folge einer ernsten Fraktur mit Verletzung tief liegender Weichteilschichten.

Erweiterung der Klassifikation nach Tscherne

Ablederungswunden
Die Klassifikation nach Tscherne hat sich geändert und umfasst jetzt auch weitere Faktoren und Aspekte, die zu berücksichtigen sind.

Zur präziseren Diagnose wurde die Klassifikation nach Tscherne erweitert. Jetzt kommt eine Skala mit 5 Punkten zur Anwendung, mit der der Schweregrad der Hautverletzung, der Muskel- und Sehnenverletzung und der neurovaskulären Verletzung unabhängig voneinander bewertet wird.

Dieses System ist genauer als die erste Klassifizierung mit 3 verschiedenen Schweregraden. Allerdings verwenden die meisten noch immer die ursprüngliche Klassifizierung nach Tscherne. 

Zwar kann die Einteilung der Weichteilverletzungen sehr hilfreich sein, der Schweregrad erhöht sich allerdings auf einer kontinuierlichen Skala, deshalb ist es nicht einfach, eine Verletzung auf zuverlässige Art zu klassifizieren.

Behandlung von Ablederungswunden

Die tangential einwirkende Gewalt trennt größere Hautpartien von den tieferen Weichteilschichten, was zu signifikanten Blutverlusten führen kann. Die dringende ärztliche Behandlung ist in diesem Fall grundlegend!

Die Prognose ist bei Verletzungen mit Grad II oder III besser, wenn sie vorübergehend äußerlich fixiert werden, um den chirurgischen Eingriff so hinauszuzögern.

Ablederungswunden erfordern fast immer eine größere Operation. Eine in der Fachzeitschrift Journal of Emergencies, Trauma and Shock veröffentlichte Studie weist außerdem auf die Wichtigkeit einer multidisziplinären Behandlung hin. Verschiedene Behandlungsmöglichkeiten sind zum Beispiel:

  • Replantation: Die abgetrennten Teile werden wieder zusammengefügt, zum Beispiel die Finger der Hand.
  • Revaskularisation: Dies bedeutet, dass nicht richtig durchblutetes Gewebe durch das Wiedereinsprossen von Blutkapillaren behandelt wird.

Wenn dies nicht möglich ist, kann es erforderlich sein, Hautlappen einzusetzen. Allerdings ist es nicht immer möglich, das Gliedmaß zu retten. In manchen Fällen ist eine Amputation notwendig.

Hast du diesen Beitrag schon gelesen? Verstauchtes Handgelenk: Was du darüber wissen solltest!

Ablederungswunden: Abschließende Bemerkung

Die Behandlung hängt bei Ablederungswunden vom Ausmaß und dem individuellen Zustand der Verletzung ab. Ein Ärzteteam bewertet die Situation und entscheidet dann über die Therapie.

Nach dem chirurgischen Eingriff ist die physiotherapeutische Behandlung des Patienten sehr wichtig. Denn wie aus den genannten Quellen hervorgeht, hängen die möglichen Folgen ebenfalls vom Schweregrad der Verletzung und auch von der jeweiligen Behandlung ab.

  • Arnez, Z. M., Khan, U., & Tyler, M. P. H. (2010). Classification of soft-tissue degloving in limb trauma. Journal of Plastic, Reconstructive and Aesthetic Surgery. https://doi.org/10.1016/j.bjps.2009.11.029
  • Latifi, R., El-Hennawy, H., El-Menyar, A., Peralta, R., Asim, M., Consunji, R., & Al-Thani, H. (2014). The therapeutic challenges of degloving soft-tissue injuries. Journal of emergencies, trauma, and shock, 7(3), 228–232. https://doi.org/10.4103/0974-2700.136870
  • Carlos Oliver Valderrama-Molina; Mauricio Estrada-Castrillón; Jorge Andrés Hincapie; Luz Helena Lugo-Agudelo. 2014. Concordancia intra e interobservador de la clasificación de Oestern y Tscherne para lesiones de tejidos blandos en fracturas cerradas periarticulares del miembro inferior. Colombia Médica. http://www.scielo.org.co/pdf/cm/v45n4/es_v45n4a06.pdf