Legasthenie

· 5 November, 2017
Legasthenie kann in der Kindheit einfach entdeckt werden. Betroffene Kinder haben eine normale Intelligenz, jedoch trotzdem Probleme beim Erlernen der Schriftsprache und beim Lesen. 

Was ist Legasthenie?

Legasthenie ist eine genbedingte Störung, die die Fähigkeit des Lesens und der Rechtschreibung beeinträchtigt.

Der Unterschied zu einer Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS) besteht darin, dass es sich bei letzterer um eine erworbene Schwäche handelt, die zum Beispiel durch einen längeren krankheitsbedingten Schulausfall, falsches Lernen, Familienprobleme oder andere Ursachen entsteht.

Meist werden jedoch im deutschen Sprachgebrauch Legasthenie und Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS) synonym verwendet.

Wenn eine normal oder überdurchschnittlich intelligente Person Schwierigkeiten beim Erkennen von Wörtern, beim Buchstabieren oder in der Rechtschreibung aufweist, die Umwelt anders wahrnimmt und die Aufmerksamkeit beim Lesen und Schreiben abnimmt, dann spricht man von einer Lese- und Rechtschreibstörung.

Kurz zusammengefasst haben Legastheniker Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben von Wörtern sowie beim mathematischen Denken.

Zu betonen ist jedoch, dass die Lese- und Rechtscheibschwierigkeiten nicht auf intellektuelle Probleme zurückzuführen sind. Es handelt sich um eine spezifische Schwierigkeit normal oder überdurchschnittlich intelligenter Personen.

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Wann wird Legasthenie diagnostiziert?

Normalerweise wird diese Lese- und Rechtschreibstörung bereits in der frühen Kindheit diagnostiziert. Bei Kindern ist diese Schwierigkeit leicht zu erkennen. Legasthenie begleitet Betroffene jedoch das ganze Leben lang, was in manchen Fällen zu Problemen führt.

Lehrerin unterrichtet Kinder mit Legasthenie

Statistisch gesehen leidet rund 5 bis 10% der Bevölkerung an Legasthenie beziehungsweise einer Lese- und Rechtschreibschwäche. 

In der Praxis ist im Durchschnitt in einer Schulklasse mit 25 Kindern mindestens ein legasthenisches Kind vorhanden.

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Wie beeinflusst Legasthenie das Leben der betroffenen Kinder?

In den ersten Schuljahren wird die Störung meist offensichtlich. Lernschwierigkeiten stellen für betroffene Kinder eine schwierig zu überwindende Herausforderung dar. Doch nicht nur in der Schule kommt es zu Schwierigkeiten, eine Lese- und Rechtschreibschwäche führt häufig auch zu Problemen mit dem Selbstwertgefühl.

In vielen Fällen ist die Folge ein stark ausgeprägtes Desinteresse am Lesen, was wiederum zu folgenden Konsequenzen führt:

  • Wenig Vokabular,
  • Probleme beim Leseverständis und
  • Probleme beim Verstehen komplexer Texte und deren Analyse.

Legastheniker sind sich in den meisten Fällen ihrer Grenzen bewusst. Deshalb leiden sie häufig an einem schwachen Selbstwertgefühl, Nervosität und manchmal auch an Depressionen.

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Wie kommt es zu Legasthenie?

Um diese Frage zu beantworten, erklären wir Schritt für Schritt, was dabei im Gehirn Betroffener vorgeht:

1. Wie werden Worte gelesen und geschrieben?

Die meistakzeptierte Hypothese zur Beschreibung des Leseprozesses ist das Zwei-Wege-Modell (auch Dual-Route-Modell) von Max Coltheart. Dieses Modell unterscheidet zwischen dem direkten und indirekten Weg des Lesens. 

  • Beim direkten oder lexischen Weg (lexical route oder direct route) wird das Wortbild, das im Gedächtnis gespeichert ist, abgerufen. Man spricht in diesem Fall auch von orthografischer Kodierung. Wenn man zum Beispiel lernt, wie das Wort „Stuhl“ geschrieben wird, kann man es, wenn man es danach aufschreiben muss, aus dem „Wortspeicher“ abrufen. Dieser direkte Weg wird dann verwendet, wenn das Wort bekannt ist.
  • Beim indirekten Weg wird jeder einzelne Buchstabe gelesen, um das Wort zu verstehen. Die einzelnen Laute werden in die graphische Repräsentation umgewandelt. Diese Methode wird verwendet, um neue Wörter zu lesen. In den ersten Schuljahren lernen Kinder, Phoneme in Grapheme umzuwandeln. Sie lernen zum Beispiel, dass der Buchstabe „B“ einen bestimmten Laut hat und dass der Buchstabe „S“ anders klingt. So kann man Worte schreiben, die man noch nie zuvor gehört hat, denn man kennt die Buchstaben, die diese Laute repräsentieren. Diese Theorie konnte durch bildgebende Verfahren, die die Untersuchung des Gehirns ermöglichen, gestützt werden.

2. Was passiert im Gehirn?

Ganz allgemein kann man davon sprechen, dass die neuronalen Verbindungen zwischen den Gehirnbereichen, die für die Sprache notwendig sind, geringer sind. 

3. Welche Gehirnregionen sind für die Sprache notwendig?

Grundlegend ist das Broca-Areal, das sich in der Region der Großhirnrinde, in der Pars triangularis des Gyrus frontalis inferior der dominierenden Hemisphäre des Gehirns befindet. Das heißt, dass sich das Broca-Areal bei Rechtshändern auf der linken und bei Linkshändern auf der rechten Seite befindet.

Dieses Areal ist vor allem für grammatikalische Aspekte der Sprache zuständig. Es ist grundlegend für die Artikulation und Bildung abstrakter Wörter, die Lautbildung, Lautanalyse und Sprachmotorik.

Legasthenie und Auswirkungen auf das Gehirn

Ebenso wichtig ist das Wernicke-Areal oder Wernicke-Zentrum. Dieses befindet sich in der dominanten Hirnhemisphäre im Temporal- und Parietallappen.

Die wichtigsten Funktionen dieser Gehirnregion hängen mit dem Erkennen gesprochener Worte zusammen. Hier finden entscheidende Prozesse für das Sprachverständnis statt und in diesem Bereich werden auch Tonsequenzen, die Wörter bilden, gespeichert. 

Darüber hinaus gibt es noch einen weiteren Bereich im Parietal- und Occipitallappen, der für die Wortbildung grundlegend ist. 

Wenn man den Lese- und Schreibprozess kennt und weiß, welche Gehirnregionen dafür zuständig sind, ist es einfacher zu verstehen, welche Veränderungen zu einer Lese- und Rechtschreibstörung führen können.

Welche Arten von Legasthenie gibt es?

  • Phonologische Legasthenie: Betroffene verwenden die visuelle Route, das heißt dass sie Worte auf visuelle Weise lesen, was bei bekannten Wörtern einfach ist, das Lesen von unbekannten Wörtern jedoch unmöglich macht.
  • Oberflächliche Legasthenie: Betroffene verwenden die phonologische Route.  Legasthenische Kinder verstehen zwar die Worte, müssen sie jedoch in Silben oder Fragmente trennen, um sie lesen zu können. Besonders schwierig wird es, wenn die Aussprache nicht mit der Schreibart übereinstimmt.
  • Tiefgreifende oder gemischte Legasthenie: In diesem Fall sind beide Wege betroffen und die Folgen schwerwiegend. Es entstehen große Probleme beim Lesen und zahlreiche Rechtschreibfehler beim Schreiben, außerdem können auch Bedeutungsfehler auftreten.

Behandlung von Legasthenie

Die richtige Behandlung ist bei einer Lese- und Rechtschreibstörung grundlegend, um langfristig die akademische Leistungsfähigkeit zu garantieren und auch emotionale Stabilität zu erreichen.

Die Wirksamkeit verschiedener Therapien konnte nachgewiesen werden. Meist erfolgt eine Therapie auf verschiedenen Ebenen:

  • Förderunterricht mit spezialisierten Lehrkräften,
  • logopädische Behandlung,
  • nützliche Studientechniken und
  • zusätzliche Übungen und Aufgaben nach dem Unterricht.

Die Unterstützung seitens der Familie ist von großer Wichtigkeit in der Behandlung von Legasthenie. Betroffene Kinder benötigen nicht nur Motivation, um auf persönlicher und schulischer Ebene voranzukommen. Durch entsprechende Lerntechniken und Förderunterricht, insbesondere im Bereich des Lesens und Schreibens, können sie sehr gute Fortschritte erzielen.

Kind mit Legasthenie übt Lesen

Wenn legasthenische Kinder zusätzlich Aktivitäten ausführen, die ihr Selbstwertgefühl fördern (Sport, außerschulische Aktivitäten usw.), können sie gleichzeitig ihre emotionale Verfassung verbessern.

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Sollte es zu Nervosität oder Depression kommen, ist auf jeden Fall ärztliche Hilfe notwendig!