Was ist das Phantom-Vibrations-Syndrom und wie kannst du es vermeiden?

Wenn du schon einmal geglaubt hast, dass du eine Benachrichtigung auf deinem Handy erhalten hast, aber als du nachgesehen hast, war da nichts, dann war es vielleicht eine Phantom-Vibration. Lies weiter, um herauszufinden, was das ist.
Was ist das Phantom-Vibrations-Syndrom und wie kannst du es vermeiden?
Elena Sanz

Geprüft und freigegeben von der Psychologin Elena Sanz.

Geschrieben von Rafael Victorino Muñoz

Letzte Aktualisierung: 06. Januar 2023

Das Phantom-Vibrations-Syndrom kann als eine weitere Folge der übermäßigen Nutzung von Technologie, in diesem Fall der Mobiltelefone, angesehen werden. Vielleicht kennst du das: Dein Handy vibriert in deiner Tasche, du schaust nach und siehst, dass dich niemand angerufen oder eine Nachricht geschickt hat.

Dies hat mit der Art und Weise zu tun, wie das Gehirn auf die Reize reagiert, die wir wahrnehmen oder glauben wahrzunehmen. Außerdem vermutet man, dass ein Zusammenhang mit bestimmten Erkrankungen besteht. Im Folgenden erfährst du mehr über das Phantom-Vibrations-Syndrom und warum es auftritt.

Wahrnehmungsprädispositionen

Phantom-Vibrations-Syndrom - Frau schaut auf ein Smartphone
Der Verstand kann glauben, dass es einen Reiz gibt, z. B. die Vibration eines Mobiltelefons, obwohl dies nicht der Fall ist.

In jeder Situation, ob ein Reiz vorhanden ist oder nicht, gibt es mehrere Möglichkeiten:

  • Ein Reiz tritt auf, die Sinne nehmen ihn wahr, das Gehirn verarbeitet ihn.
  • Es gibt einen Reiz, aber wir nehmen ihn nicht wahr.
  • Es gibt keinen Reiz und keine Wahrnehmung.
  • Obwohl es keinen Reiz gibt, glaubt das Gehirn, es gäbe einen.

Letzteres hängt mit den so genannten “Wahrnehmungsprädispositionen” zusammen, einem Konzept, das verwendet wurde, um den Prozess des Spracherwerbs und der Sprachentwicklung bei Kindern zu verstehen.

Studien zu diesem Thema deuten darauf hin, dass der Mensch mit der Fähigkeit geboren wird, die möglichen Sprachlaute zu unterscheiden, die dann erlernt werden oder nicht, je nachdem, ob dieser Laut in der in der Umgebung gesprochenen Sprache verwendet wird.

Und genauso wie wir die Fähigkeit dazu haben, haben wir auch die Fähigkeit, zum Beispiel am Geruch zu erkennen, ob eine Pflanze essbar ist. Im Allgemeinen geht man davon aus, dass wir einen Reiz umso eher wahrnehmen, je stärker er auf uns einwirkt.

Dies kann sogar dann geschehen, wenn der Reiz nicht vorhanden ist. Denn auch in Abwesenheit des Reizes werden die entsprechenden Sinnesrezeptoren aktiviert. Es sei daran erinnert, dass die Wahrnehmung zu einem großen Teil nicht in den Sinnen, sondern im Gehirn stattfindet.

All dies würde erklären, was beim Phantom-Vibrations-Syndrom geschieht. Außerdem kann es eine Erklärung dafür liefern, warum die Menschen dieses spezielle Phänomen nicht erlebt haben, bevor es Mobiltelefone gab.

Was ist das Phantom-Vibrations-Syndrom?

Das Phantom-Vibrations-Syndrom ist das Phänomen, das auftritt, wenn wir das Gefühl haben, dass unser Handy aktiviert wurde, ohne dass dies der Realität entspricht, was wir oft erst nach einer Überprüfung feststellen.

Das passiert, weil wir alle Mobiltelefonnutzer/innen sind, weil wir ein Telefon bei uns haben und es mit unserem Körper in Kontakt ist. Wir haben den Reiz (die Vibration) also schon so oft wahrgenommen, dass unser Gehirn ihn bereits mit einer Benachrichtigung assoziiert.

Die Phantom-Vibration kann jederzeit auftreten. Allerdings steigt die Wahrscheinlichkeit, wenn wir auf einen Anruf oder eine wichtige Nachricht warten und wir oft sehr aufmerksam sind und das Telefon jeden Moment überprüfen.

Untersuchungen zufolge macht die große Mehrheit der Nutzer/innen diese Erfahrung. Fast 90 % gaben an, dass sie im Durchschnitt alle zwei Wochen oder sogar noch häufiger eine Phantom-Vibration wahrnehmen.

Dies ist ein weiteres Anzeichen oder eine Manifestation der Technologiesucht. Und obwohl dieses Syndrom nicht als Krankheit oder Verhaltensstörung gilt, kann es durchaus mit zwanghaften Zügen oder Angstzuständen zusammenhängen, wie wir später sehen werden.

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Welche Ursachen hat das Phantom-Vibrations-Syndrom?

Es kann mehrere Ursachen geben, die erklären, warum das Phantom-Vibrations-Syndrom auftritt. Eine davon haben wir bereits erwähnt: der übermäßige Kontakt oder die Sucht nach Technologie, die uns hyperstimuliert und prädisponiert.

Des Weiteren kann dieses Phänomen mit einer emotionalen Komponente beim Nutzer/der Nutzerin zusammenhängen. Es kann zum Beispiel häufiger in Situationen von Stress, Angst oder Erwartungsangst auftreten, wenn wir, wie erwähnt, auf einen wichtigen Anruf warten.

Solche Situationen können uns in einen Zustand der Hypervigilanz versetzen. Das ist in etwa vergleichbar mit einem/r Soldat/in, der/die auf der Hut ist und glaubt, ständig Zeichen des Feindes wahrzunehmen. Oder mit einer Person, die Opfer eines Verbrechens wurde und erschrickt, wenn sie glaubt, das Geräusch einer sich öffnenden Tür zu hören.

Außerdem kann dies auftreten, wenn wir eine schwierige Zeit durchmachen und ein Gefühl der Verletzlichkeit verspüren, zum Beispiel angesichts einer Trennung. Manche Menschen versuchen, diesen Situation zu entgehen, andere flüchten sich ständig in das eigene Mobiltelefon.

Darüber hinaus haben Studien ergeben, dass Benachrichtigungen von Telefon-Apps Neurotransmitter wie Dopamin aktivieren können und daher mit einer Dynamik von Freude oder Missfallen verbunden sind. Das Phantom-Vibrations-Syndrom funktioniert also als eine Form der Vorfreude auf ein Verlangen oder einen Wunsch.

Mögliche Komplikationen

Phantom-Vibrations-Syndrom - junge Frau mit einem Smartphone
Die Abhängigkeit von Mobiltelefonen kann zu einem Phantom-Vibrations-Syndrom führen.

Obwohl es sich bei dem Phantom-Vibrations-Syndrom nicht um eine Pathologie handelt, kann es mit einigen Problemen in Verbindung gebracht werden. Zum Beispiel mit einer erhöhten Abhängigkeit von der Handynutzung und einer geringen emotionalen Stabilität, wie in einer Studie festgestellt wurde.

Außerdem ergab eine in Taiwan durchgeführte Untersuchung, dass dieses Phänomen häufiger bei Arbeitnehmer/innen mit einem hohen Maß an persönlicher und beruflicher Ermüdung auftritt. Daher nimmt man an, dass es ein Anzeichen für Stress oder das Burnout-Syndrom ist.

Eine im Jahre 2017 in Indien durchgeführte Studie legt hingegen nahe, dass das Phantom-Vibrations-Syndrom nicht nur ein Symptom der Handysucht ist, sondern auch psychologische oder neurologische Veränderungen nach sich ziehen kann, die möglicherweise zu Angstzuständen, Depressionen und anderen affektiven Störungen führen.

In anderen Untersuchungen wurde festgestellt, dass es sogar die Qualität des Schlafs beeinträchtigt. Mehr als die Hälfte der teilnehmenden Proband/innen gab an, nachts aufzuwachen und zu glauben, dass das Telefon vibriert.

Im Allgemeinen stellen diese Fehlalarme für die meisten Menschen keine Komplikation dar. Allerdings ist die Tatsache besorgniserregend, dass sie bei Menschen mit Bindungsangst und emotionaler Abhängigkeit häufiger auftreten.

Wie du das Phantom-Vibrations-Syndrom vermeiden kannst

Da es sich um ein neues Phänomen handelt, das durchaus mit dem Lebensstil der Person zusammenhängt, können einige Änderungen der Gewohnheiten helfen, das Problem in den Griff zu bekommen und größeres Übel zu vermeiden.

In diesem Zusammenhang kannst du die folgenden Empfehlungen berücksichtigen:

  • Lasse dein Telefon mit aktiviertem Ton laufen, anstatt nur die Vibration zu nutzen.
  • Schalte die Benachrichtigungen aus sozialen Netzwerken stumm und lasse nur die Anrufbenachrichtigungen zu.
  • Reduziere die Nutzungsdauer deines Mobiltelefons.
  • Aktiviere den Modus “Nicht stören”, wenn du schläfst oder isst.

Wann du professionelle Hilfe in Anspruch nehmen solltest

Das Phantom-Vibrations-Syndrom könnte man zunächst für eine Fehlwahrnehmung halten und vielleicht sogar als unwichtig abtun. Allerdings kann es immer wieder auftreten und zu unangenehmen Reaktionen wie Enttäuschung oder Wut führen.

Wenn das bei dir der Fall ist und du durch die Benutzung des Mobiltelefons Angst oder Stress bekommst oder es nicht einmal für einen Moment aus der Hand legen kannst, ist es wichtig, Maßnahmen zu ergreifen, wie zum Beispiel einen Psychologen oder eine Psychologin aufzusuchen und ergänzend dazu Selbsthilfegruppen zu besuchen.

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