Krank durch Übersäuerung und falschen pH Wert?

· 19 Januar, 2016
Der Körper ist in der Lage, überschüssige Säure selbst auszuleiten

Oft hört und liest man, dass der Körper vor „Übersäuerung“ zu schützen sei. Im Anschluss daran wird dann meist eine „basische Ernährung“ empfohlen, die eine solche „Übersäuerung“ wieder ausgleichen und ihr vorbeugen soll. Zu diesem Zweck werden auch Nahrungsergänzungsmittel verkauft und viele Rezepte empfohlen. Was ist dran an der „Übersäuerung“?

Der pH-Wert

Mit dem pH-Wert wird der Grad an Säuren oder Basen in Flüssigkeiten angegeben. Je geringer der Wert, desto saurer die Flüssigkeit. Je höher der Wert, desto alkalischer.

Am untersten Ende der Skala mit Werten unter 1 liegt beispielsweise die Batteriesäure, gefolgt von Magensäure (1-1,5) und Cola (2-3). Erst dann reihen sich Zitronensaft (2,4) und Essig (2,5) ein.

Auf der anderen Seite der Skala befindet sich zum Beispiel Beton, der mit einem pH Wert von 12,6 sehr alkalisch ist. Reines Wasser hat einen pH Wert von 7, Blut dagegen ist mit 7,4 etwas alkalischer und Speichel mit ca. 6,5-7,4 etwas saurer.

Die Hautoberfläche des Menschen, der sogenannte Säureschutzmantel, hat einen pH Wert von 5,5.

Blutgefaesse uns ÜbersäuerungÜbersäuerung

Die Vorstellung einer „Übersäuerung“ des Körpers entstand wahrscheinlich schon im 17. Jahrhundert, wurde aber im 20. Jahrhundert erst durch Franz Xaver Mayr populär, der auch die bekannte „Mayr Kur“ erfand.

Nach ihm verfolgten viele Physiker und Naturheilpraktiker diese Thesen und stellten ihre eigenen Untersuchungen dazu an. Auch die Wissenschaft beschäftigte sich mit der Theorie der „Übersäurerung“.

Verfechter der „Übersäuerungs-Theorie“ meinen, dass viele Zivilisationskrankheiten wie Allergien, Gicht, Neurodermitis und auch Krebs durch eine Übersäuerung des Körpers entstünden.

Sie führen an, dass unsere moderne Ernährung mit Fast Food, Weißmehl, Zucker, Alkohol und anderen auch allgemein als ungesund anerkannten Lebensmitteln dazu führen, dass im Körper zu viele Säuren gebildet würden.

Basische Ernährung

Anhänger der „basischen Ernährung“ glauben, dass der Übersäuerung des Körpers vorgebeugt werden müsse, um Folgeschäden und Krankheiten vorzubeugen.

Dies soll mit einer bestimmten Ernährung erfolgen, die aus einer langen Liste „basischer“ Lebensmittel besteht. Darunter befinden sich beispielsweise Kartoffeln, Gemüse, Obst, Trockenfrüchte und Rohmilch. Milchprodukte wie zum Beispiel Käse werden jedoch als „säurebildend“ klassifiziert.

Ist es einem nicht möglich, die angenommene „Übersäuerung“ des Körpers durch die Ernährung auszugleichen, sollen auch Nahrungsergänzungsmittel wie „Basenpulver“ helfen.

DurchblutungDer Säure-Basen-Haushalt des Körpers

Ein gesunder Körper reguliert das Säure-Basen-Verhältnis selbstständig und braucht dazu keine spezielle Ernährung oder Pulver. Überschüssige Säuren müssen nicht im Körper durch sogenannte „basenbildende Lebensmittel“ ausgeglichen werden, denn der Körper scheidet sie von selbst wieder aus.

Ein Großteil der überschüssigen Säuren wird über die Nieren ausgeschieden, aber auch Atem, Schweiß und Stuhlgang enthalten Säuren.

Nur bei wirklich kranken Menschen (Diabetes, Nierenfunktionsstörungen) können zu viele Säuren ins Blut gelangen. Aber auch dann entsteht keine „Übersäuerung“, denn der Körper mobilisiert Kalzium aus den Knochen, um den Säure-Basen-Haushalt wieder zu normalisieren.

Wird bei einem Alternativmediziner oder Heilpraktiker eine angebliche „Übersäuerung“ durch einen Urintest diagnostiziert, bedeutet das lediglich, dass die natürlichen Regulationsmechanismen des Körpers funktionieren. Ist der Urin „zu sauer“, hat der Körper somit überschüssige Säuren selbsttätig ausgeschieden. Der pH Wert des Urins schwankt über den ganzen Tag ständig.

ArztWas sagt die Wissenschaft dazu?

Die Meinung der Wissenschaft und Medizin ist eindeutig: Eine „Übersäuerung“ des Körpers ist nur bei schweren Stoffwechselentgleisungen (z.B. bei Diabetes) möglich, wird aber nicht durch unsere moderne und ungesunde Ernährung verursacht.

Es konnte bei keiner wissenschaftlichen Studie ein Zusammenhang zwischen „Übersäuerung“ und Krankheiten festgestellt werden. Der einzige positive Nebeneffekt einer „basischen Ernährung“ ist der, dass sich solche Menschen intensiver mit dem, was sie essen auseinander setzen und sich daher etwas gesünder ernähren.

Die Verbraucherzentrale stuft „basenbildende“ Nahrungsergänzungsmittel als „unnötig“ ein. Auch sie verweisen auf das natürliche Puffersystem unseres Körpers, das in der Lage ist, das Säure-Basen-Gleichgewicht selbst herzustellen.

Nicht nur die Verbraucherzentrale, auch andere Institutionen wie zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), die Deutsche Krebshilfe, Mediziner und Pharmakologen weisen darauf hin, dass es keine Beweise für die Theorien zum Thema der „Übersäuerung“ und „basische Ernährung“ gibt.

Mediziner geben zu bedenken, dass hinter vielen Ideen ein lukratives Geschäft steckt…

Gesunde Ernährung und ÜbersäuerungWas kannst du tun?

Eine „basische Ernährung“ schadet deinem Körper grundsätzlich genauso wenig oder viel wie eine „saure Ernährung“, denn der Körper gleicht jegliches Ungleichgewicht, egal ob sauer oder alkalisch von selbst wieder aus.

Wenn du das Gefühl hast, eine „basische Ernährung“ tut dir gut, dann schadet es auch nicht, weiterhin auf deine Ernährung zu achten.

Lebensmittel, die in der Theorie der „basischen Ernährung“ als „säurebildend“ angesehen werden, sind ohnehin oft ungesund und schaden deiner Gesundheit: Weißmehlprodukte, Zucker, Alkohol, Fleisch, Wurst etc.

Weil aber auch grundsätzlich gesunde Lebensmittel wie zum Beispiel Sojaprodukte, Nüsse und Tee angeblich „säurebildend“ und daher „ungünstig“ seien, solltest du deine Ernährung nicht zu strikt nach den Richtlinien der „basischen Ernährung“ ausrichten.

Merke: Jegliche Form von Diät und selbsterlegten Nahrungsmittelverboten kann zu schwerwiegender Fehl- und Mangelernährung führen! Und das ist dann sogar wissenschaftlich erwiesen ungesund!