Erziehungsstile: Was für eine Klasse von Mutter oder Vater bin ich?

17 Dezember, 2019
Der Erziehungsstil umfasst unter anderem die Art, wie sich die Eltern ihren Kindern gegenüber verhalten und ihnen antworten. In unserem heutigen Beitrag spricht der Psychologe Marcelo Ceberio über verschiedene Arten und Möglichkeiten, die den Eltern zur Verfügung stehen. 

Erziehungsstile sind Beziehungskonstruktionen, die Verhalten, Haltung, Gesten, verbale und paraverbale Nachrichten der Eltern gegenüber ihrer Kinder und auch Kommunikationsstrategien, Techniken und Taktiken umfassen, welche Eltern nutzen, um ihren Kindern zu helfen, sich bewusst und freiwillig, aber auch unfreiwillig zu entwickeln.

Keine Institution lehrt die Eltern. Sie lernen ihre Rolle anhand der eigenen Erziehung, die sie als Kinder erhielten und richten sich nach den Handlungen und Zurechtweisungen, die ihre eigenen Eltern für gut hielten. Die Ursprungsfamilie ist also das Referenzmuster, wenn es darum geht, die eigenen Kinder zu erziehen.

Doch die Eltern sind gleichzeitig ein Spiegel, in den ihre Kinder blicken und der ihr Spiegelbild zurückwirft. Erziehungsstile beziehen also auch unfreiwillige Informationen mit ein. Die Eltern sind deshalb transparenter als sie glauben: Sie übermitteln Werte, Glaubensansichten, affektive Ausdrucksformen, Kommunikationsstile, Anordnungen usw. Wir werden uns diesem Thema anschließend eindringlicher widmen.

Erziehungsstile: Vater und Sohn.

Erziehungsstile: Was für eine Klasse von Mutter oder Vater bin ich?

Eine der bekanntesten Theorien über Erziehungsstile wurde von der Psychologin Diana Baumrind entwickelt. Sie klassifizierte Väter und Mütter in vier Kategorien:

  • Autoritär: Die Eltern sagen ihren Kindern ganz genau, was sie zu tun haben.
  • Permissiv: Sie erlauben ihren Kindern zu tun, was sie wollen.
  • Demokratisch: Die Eltern geben ihren Kindern Regeln und Orientierungshilfen, ohne jedoch dominant zu sein.
  • Vernachlässigend: Sie berücksichtigen ihre Kinder nicht und konzentrieren ihr Interesse auf andere Aufgaben.

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Erziehungsstile: Demokratische Eltern

Demokratische Eltern sind ausgeglichen und führen häufige und offene Gespräche mit ihren Kindern, in denen Dialoge die besten Methoden sind, um das Verständnis der Kinder zu verbessern.

Sie stellen hohe Ansprüche, sind empfänglich und auf ihre Kinder konzentriert. Außerdem haben sie zum Ziel, ihre Kinder durch Erziehung zu autonomen, reifen Menschen heranzuziehen. Sie verstehen die Gefühle ihrer Kinder und helfen ihnen, diese zu managen.

Meist üben demokratische Eltern keine zu große Kontrolle aus, was es dem Kind ermöglicht, mit mehr Freiheit seine eigenen Erfahrungen zu machen. Sie können eigene Entscheidungen treffen, die auf ihre eigenen Ideen aufbauen.

Diese Art von Eltern unterstützt persönliche Initiativen ihrer Kinder. Sie erlauben ihnen, selbst ihre Probleme zu lösen, die sich ihnen im Alltag stellen. Das fördert ihre Selbständigkeit.

Wenn demokratische Eltern ihre Kinder bestrafen, erklären sie die Gründe dafür. Normalerweise handelt es sich nicht um sehr strenge oder willkürliche Maßnahmen, denn sie versuchen, das Kind damit zu belehren anstatt es nur zu bestrafen. Sie verzeihen und erreichen im Endeffekt damit, dass ihr Kind ein besseres Selbstwertgefühl entwickelt und mit der Zeit immer eigenständiger wird.

Demokratische Eltern setzen liebevoll klare Regeln und Grenzen fest. Sie ermöglichen es den Kindern, ihre Unabhängigkeit zu entwickeln  und erwarten sich ein reifes Verhalten, das jedoch immer altersgerecht sein sollte. Das heißt, dass sich die Kinder ihrem Entwicklungszustand entsprechend verhalten sollen.

Demokratische Eltern schätzen ihre Kindern und sind immer aufmerksam auf ihre Bedürfnisse, Sorgen und Interessen. Aus diesen Gründen handelt es sich um den besten Erziehungsstil.

Erziehungsstile: Autoritäre Eltern

Autoritäre Eltern sind sehr fordernd, nicht rezeptiv und stellen hohe Erwartungen an ihre Kinder. Sie führen ein totalitäres Regime, das durch die Erfüllung ihrer hohen Erwartungen und der familiären Regeln charakterisiert wird. Es bleibt wenig Platz für einen offenen Dialog zwischen Eltern und Kindern und noch weniger, um über einen Befehl zu diskutieren.

Wir sprechen von Eltern mit einem restriktiven Erziehungsstil, die ihre Kinder bestrafen, wenn sie nicht tun, was ihnen die Eltern auferlegen. Sie erwarten sich von ihren Kindern, die Arbeit und Anstrengungen zu respektieren, die sie in der Erziehung auf sich nehmen.

Sie fördern keinen Dialog und lehnen diesen manchmal auch als disziplinäre Maßnahme ab. Zum Beispiel: „Bis du nicht machst, was ich dir sage, musst du gar kein Wort mehr an mich richten!“ Oft ist die einzige Erklärung, die sie ihren Kindern geben: „Weil ich es sage.“

Sie sind weniger sensibel gegenüber den Bedürfnissen ihrer Kinder und es ist wahrscheinlicher, dass sie ihre Sprösslinge schlagen oder anschreien, anstatt über ein Problem zu diskutieren. Kinder, die mit diesem Erziehungsstil groß werden, können geringere soziale Fähigkeiten haben, weil ihnen in der Regel ihre Eltern sagen, was sie zu tun haben, anstatt sie selbst wählen zu lassen. 

Es sind Eltern, die Disziplin verlangen, ohne jedoch ihren Kindern Autonomie zu geben. Sie betrachten Gehorsamkeit als eine Tugend und setzen deshalb oft Zwangs- oder Strafmaßnahmen ein.

Permissive Eltern

Permissive Eltern sind den Bedürfnissen und Wünschen ihrer Kinder gegenüber sehr sensibel und haben bezüglich Verhalten keine großen Erwartungen. In diesem Erziehungsstil setzen sich die Eltern stark für ihre Kinder ein, doch sie fordern nur wenig und haben auch keine große Kontrolle über das Leben ihrer Kinder. Die Abwesenheit von Grenzen verhindert es dem Nachwuchs, Selbstkontrolle zu erlangen.

Kinder von permissiven Eltern sind meist sehr unreif, kontrollieren ihre Impulse nicht und übernehmen keine soziale Verantwortung. Sie handeln oft impulsiv und können in der Adoleszenz marginale Verhaltensmustern annehmen. Diese Kinder lernen nie, ihr eigenes Verhalten zu kontrollieren und versuchen immer, ihre eigenen Wünsche durchzusetzen.

Dieser Erziehungsstil führt zu verwöhnten und verzogenen Kindern, die extreme Verhaltensweisen annehmen können, wenn sie nicht erreichen, was sie wollen.

Erziehungsstile: Permissive Eltern

Nachlässige Eltern

Nachlässige Eltern haben weder Ansprüche, noch sind sie flexibel. Sie bleiben unbeteiligt oder haben kein Interesse an der Erziehung ihrer Kinder. Außerdem sind sie kalt und kontrollierend und mischen sich meist nicht in das Leben ihrer Kinder ein. Sie stellen keine Grenzen auf und fordern von ihren Kindern also auch nicht, Verantwortung zu übernehmen.

Kinder nachlässiger Eltern haben das Gefühl, dass andere Aspekte im Leben der Eltern wichtiger sind als sie selbst.

Nachlässige Eltern übersehen meist die Emotionen und Meinungen ihrer Kinder und unterstützen sie auch nicht. Doch sie kümmern sich um ihre Grundbedürfnisse (Haus, Erziehung, Ernährung). Sie sind oft emotional abwesend und manchmal auch physisch. Das heißt, dass keine Kommunikation existiert, auch wenn sie zu Hause sind.

Sie sind den Bedürfnissen ihrer Kinder gegenüber unsensibel oder nicht fähig einfühlsam zu sein. Sie haben auch keine Erwartungen, was das Verhalten ihrer Kinder anbelangt. Wer in einer vernachlässigten Umgebung aufwächst, kann im Erwachsenenalter emotionale und Verhaltensprobleme erfahren.

Der Mangel an Zuneigung und Unterstützung dieser Kinder und Jugendlichen hat sehr negative Wirkungen auf ihre Entwicklung. Deshalb fühlen sie sich unsicher, nicht geschätzt und abhängig. Sie haben Schwierigkeiten, sich in die Gesellschaft einzufügen und leiden an einer sehr geringen Frustrationstoleranz.

Spezifische Erziehungsstile

In meiner Arbeit mit Jugendlichen konnte ich in Interviews mit Vätern und Müttern eine Reihe von elterlichen Besonderheiten feststellen. Aufbauend auf der Typologie von Baumrind beschreibe ich zusammenfassend verschiedene Formen. Doch dabei muss berücksichtigt werden, dass es keine reinen Erziehungsstile gibt. Oft handelt es sich um Kombinationen, die der Elternschaft ganz besondere Eigenschaften verleihen. 

  • Der Schuld-Typ: Es geht um Eltern, die sich schuldig fühlen, wenn sie Grenzen setzen. Sie versuchen, von ihren Kindern und in ihrer Vorstellungswelt anerkannt und geliebt zu werden. Ein „Nein“ bedeutet für sie ein Risiko, abgelehnt zu werden.
  • Anspruchsvolle Eltern: Diese Eltern fördern ihre Kinder und kennen alle ihre Möglichkeiten. Sie schätzen sie sehr und motivieren sie.
  • Zu anspruchsvolle Eltern: Die Eltern heben immer hervor, was ihre Kinder nicht erreicht haben. Sie schätzen nicht, was sie gemacht haben, sondern konzentrieren sich darauf, was noch fehlt. Damit werten sie ihre Kinder unbewusst ab.
  • Autoritärer Elterntyp: Es handelt sich um Diktatoren, die nicht erklären, warum sie Grenzen und Regeln setzen. Die Wünsche ihre Kinder haben keine Bedeutung, es zählt nur, was sie selbst für das Beste halten.
  • Angemessene Begrenzer: Wir sprechen von Eltern, die effektive, klare, felxible und erklärte Grenzen setzen.
  • Supereltern: Sie glauben, dass sie alle Bedürfnisse und Annehmlichkeiten ihrer Kinder erfüllen müssen, um ihre Entwicklung zu garantieren.
  • Grenzenlos permissive Eltern: Eltern, die zu sehr auf die Wünsche ihrer Kinder eingehen und ihre Ideen auf keine Art bremsen. Es fehlen Grenzen. Sie leiten ihre Kinder nicht auf ihrem Weg und werden von ihren eigenen Kindern dominiert.
  • Bedürftige Eltern: Diese Eltern brauchen die Zuneigung und Anerkennung ihrer Kinder und versuchen deshalb, ihnen zu gefallen und von ihnen geschätzt zu werden. Sie sind davon überzeugt, dass die Kinder zu Hause am besten aufgehoben sind.
  • Der Glucken-Typ: Sie kümmern sich in extremer Art um ihre Kinder, was ihre Unabhängigkeit nicht fördert. Sie sind ängstlich und glauben, dass ihnen etwas passieren könnte. Sie handeln und entscheiden für ihre Kinder.
  • Projektor-Eltern: Sie projizieren ihre frustrierten Wünsche auf ihre Kinder. Was sie in ihrem eigenen Leben nicht erreichen konnten, erwarten sie von ihrem Nachwuchs. Sie hören jedoch nicht auf die Wünsche ihrer Kinder.
  • Ratgeber-Eltern: Sie leiten ihre Kinder und geben ihnen Rat, jedoch auch die Freiheit, ihren eigenen Weg mit eigenen Erfahrungen zu gehen. Sie können ihnen finanziell unter die Arme greifen, doch um wie auf einem Trampolin ihre Unabhängigkeit zu unterstützen. Sie wissen auch loszulassen.
  • Omnipotente Eltern: Sie können alles. Diese Eltern geben ihren Kindern alles was sie brauchen und noch viel mehr. Sie sind davon überzeugt, dass dies die beste Art der Elternschaft ist. Taschengeld, ein Auto und andere Extras.
  • Der Kommunikator-Typ: Diese Eltern führen Gespräche und äußern sich darüber, was in einer Familie unausgesprochen bleibt. Sie üben keinen Zeitdruck aus, fragen und vermeiden Annahmen.
  • Freiheitsliebende Eltern: Sie stimulieren die Freiheit und Unabhängigkeit und drängen ihre Kinder fast nach draußen, ohne jedoch ihre emotionalen Möglichkeiten und ihre Reife zu berücksichtigen.
  • Wertende Eltern: Sie nähren die Emotionen ihrer Kinder und drücken Zuneigung und Wertschätzung mit Worten und Taten aus.

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Erziehungsstile: Vater und Sohn im Gespräch

Natürlich gibt es auch Kombinationen verschiedener Erziehungsstile:

  • Omnipotente, freiheitsliebende Eltern: Sie stimulieren nicht nur die Freiheit, sondern versorgen ihre Kinder auch mit allem was sie sich wünschen, doch lassen sie nicht persönlich wachsen. Diese Eltern zahlen ihrem Kind eine Wohnung mit allen Spesen, damit es alleine leben kann. Sie fördern zwar die Unabhängigkeit ihrer Kinder, die sie jedoch nur erreichen können, solange sie von den Eltern mit allem versorgt werden.
  • Der Gute und der Schlechte: Es kann vorkommen, dass ein Elternteil autoritär und der andere schützend handelt. Der eine setzt strenge Grenzen und Strafen, der andere deckt, schützt und rechtfertigt das Kind. Dieses Dreieck fördert eine Koalition.
  • Permissiv beschützende Eltern: Diese Eltern erlauben keine Handlungen ohne Grenzen und fühlen sich auch nicht schuldig, wenn sie Grenzen setzen. Sie werden mit der Zeit zu den Kindern ihrer eigenen Kinder. Das heißt, dass sie sich hierarchisch unterwerfen: Die Kinder dominieren ihre Eltern.
  • Fordernde Projektor-Eltern: Sie projizieren nicht nur ihre Wünsche auf ihre Kinder, sondern verlangen darüber hinaus sehr viel, ohne zu wissen, was die Kinder wollen und können. Sie schreiben ihnen vor zu erreichen, was ihnen selbst fehlt. Wenn sie zusätzlich auch noch autoritär sind, erschwert sich die Situation.

Eine gesunde und zweckmäßige Elternschaft fördert das Wachstum, die Autonomie, die Kommunikation, den Ausdruck von Zuneigung und klare Grenzen. Sie zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus: Väter und Mütter, die ihre Kinder wertschätzen, gebende, fordernde und produktive Eltern, die richtige Grenzen setzen und Kommunikation fördern.

Weit entfernt von der Utopie der idealen Elternschaft und nahe der gesunden und zweckmäßigen Elternschaft bedeutet ein guter Erziehungsstil das tägliche Lernen dieser wunderbaren Aufgabe, Vater oder Mutter zu sein.