Was ist Hass und warum empfinden wir ihn?

Die meisten von uns haben irgendwann in ihrem Leben gesagt: "Ich hasse dich". Aber verstehen wir wirklich, was dieses Gefühl bedeutet? In diesem Artikel werfen wir einen genauen Blick darauf.
Was ist Hass und warum empfinden wir ihn?

Letzte Aktualisierung: 20. April 2022

Viele Menschen missverstehen das Konzept des Hasses und verwenden dieses Wort im Alltag oft beiläufig und fälschlicherweise. Wenn jemand zum Beispiel sagt: “Ich hasse meinen Lehrer, weil er mich durch die Prüfung hat fallen lassen” oder “Ich hasse meinen Ex, weil er mich betrogen hat”, dann ist das nicht wirklich so gemeint. Was genau ist Hass? Damit wollen wir uns in diesem Artikel eingehender befassen.

Hass ist ein Gefühl, das viel tiefer geht. Im Gegensatz zu dem, was viele sagen, ist er nicht das Gegenteil von Liebe; was der Liebe entgegensteht, ist Gleichgültigkeit. Um dieses komplexe Gefühl zu verstehen, ist es wichtig, sich über diesen Unterschied im Klaren zu sein. Sehen wir uns also an, was Hass ist, was ihn verursacht und wie wir ihn bekämpfen können.

Was ist Hass?

Hass ist ein relativ stabiles Gefühl, das eine starke Abneigung gegen eine andere Person, ein Unternehmen oder eine Gruppe ausdrückt. Er umfasst in der Regel negative Emotionen wie Wut, Ekel oder Verachtung, sollte aber nicht mit den letztgenannten verwechselt werden, die situationsbedingt und kurzlebig sind.

Hass ist eine komplexere Emotion als die, die in bestimmten Situationen reaktiv erlebt wird. Sie ist nicht nur längerfristig, sondern beinhaltet auch eine rationale Bewertung des gehassten Objekts und die Motivation, es zu beseitigen.

Hassverbrechen sind also immer mit negativen Vorurteilen gegenüber dem anderen verbunden und kalt kalkuliert.

Hass - zwei Frauen
Hass kann seinen Ursprung in vorgefassten Meinungen über den anderen haben. Diese stimmen jedoch nicht immer mit der Realität überein.

Die Unterschiede zwischen Hass, Wut, Verachtung und Neid

Hass unterscheidet sich von Wut dadurch, dass Ersterer die ganze Person oder Gruppe einbezieht, während Letzterer nur einen Aspekt davon betrachtet. Wenn wir hassen, verabscheuen wir den anderen für das, was er oder sie ist. Wenn wir wütend werden, tun wir das, weil der andere etwas getan hat, das uns geschadet hat.

Wir empfinden also Wut, wenn die Handlungen des anderen uns schaden und wir uns eine Entschuldigung oder eine Änderung des Verhaltens wünschen usw. Wenn jedoch Hass im Spiel ist, wünschen wir uns nur, dass der andere verschwindet. Es gibt weder gültige Entschuldigungen noch Veränderungen, die funktionieren, da wir die Person, Gruppe oder Entität einfach nur verabscheuen, weil sie existiert.

Verachtung kann als milde Version des Hasses betrachtet werden, da der andere auch für das abgelehnt wird, was er/sie ist. In diesem Fall kann es uns jedoch gleichgültig sein, wie der andere ist. Beim Hass ist dies allerdings nicht der Fall, da wir darauf aus sind, diese Person loszuwerden, sei es auf sozialer, geistiger oder körperlicher Ebene.

Darüber hinaus unterscheidet sich der Neider vom Hasser dadurch, dass er/sie dem anderen nicht direkt schaden will. Stattdessen sehnt er oder sie sich nur danach, das zu haben, was er oder sie nicht hat und der andere hat. Wenn man aber Hass empfindet, möchte man nichts von dem haben, was der andere besitzt, da alles, was mit ihm zusammenhängt, ablehnenswert ist.

Allerdings sollten wir nicht vergessen, dass Wut, Verachtung und anhaltender Neid in Hassgefühle umschlagen können.

Die Physiologie des Hasses

Im Gegensatz zu Wut gibt es kein einzelnes physiologisches Muster, das für Hass charakteristisch ist, da es sich um eine langfristige Erfahrung handelt. Dennoch haben Neurowissenschaftler in der funktionellen Magnetresonanztomographie ein Muster identifiziert und es als “Hass-Schaltkreis” bezeichnet.

Dabei werden der mittlere frontale Gyrus, der rechte Putamen-Kreislauf, der prämotorische Kortex und die Insula des Gehirns aktiviert, von denen viele auch mit aggressivem Verhalten in Verbindung gebracht werden. In jedem Fall folgen die Mechanismen von Wut, Gefahr und Angst anderen Mustern als Hass.

Der kognitive Neurowissenschaftler Emile Bruneau fand heraus, dass bei Hass häufig Hirnareale aktiviert werden, die mit der Beurteilung und Bewertung anderer Menschen zu tun haben.

Warum hassen Menschen?

Hassgefühle entstehen in der Regel aus einer Vielzahl von Gründen. Die häufigsten sind die folgenden:

  • Neid oder der Wunsch nach dem, was jemand anderes hat. Das führt zu der Annahme, dass es unfair sei, wenn jemand anderes etwas hat, was man selbst nicht hat.
  • Durch Erlernen. In diesem Fall vermitteln die Eltern, die Kultur oder andere soziale Gruppen dieses Gefühl durch Vorurteile oder unbegründete Überzeugungen über eine Gruppe von Menschen. Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie sind zum Beispiel typische Fälle von erlerntem Hass.
  • Demütigung oder Misshandlung durch andere Menschen. In diesen Fällen führt die Ohnmacht, die dadurch entsteht, dass man sich nicht wehren kann, dazu, dass sich allmählich Hassgefühle entwickeln.
  • Entmenschlichung. Der Glaube, dass andere Menschen minderwertig, unzivilisiert oder einfach nur Tiere sind, kann ebenfalls zu Hass führen.
Hass - zwei Frauen
Hass, Wut und Neid sind miteinander verwandt, aber sie bedeuten nicht dasselbe. Hass ist ein schädlicheres Gefühl und lässt sich schwerer überwinden.

Wie man Hass überwindet

Emile Bruneau zufolge ist es wichtig, das Missverständnis hinter dem Konflikt zu entdecken, das die Menschen dazu bringt, sich gegenseitig zu hassen. Das liegt daran, dass bei allen Erscheinungsformen des Hasses in der Regel falsche vorgefasste Meinungen über den anderen vorliegen. Diese haben oft mit der Lebensweise, den Vorlieben, den Gedanken und so weiter zu tun.

Daher besteht für den Neurowissenschaftler der beste Weg, Hass anzusprechen und zu überwinden, nicht darin, die beiden Parteien dazu zu bringen, sich gegenseitig zu mögen, denn das hat noch nie funktioniert. Stattdessen muss man diese Missverständnisse anerkennen, sie aufdecken und verstehen, dass die Feindseligkeit immer auf unbegründeten Vorurteilen beruhte.

Diesen Weg zur Überwindung von Hass hat Bruneau selbst in einem Experiment bewiesen, das nach den Terroranschlägen des Islamischen Staates in Paris im Jahre 2015 durchgeführt wurde. In dieser Studie wollte Bruneau den Hass analysieren, den Amerikaner gegenüber Muslimen entwickeln. Dazu spielte er ein Video einer muslimischen Frau ab, in dem sie erklärt, alle Muslime für die Terroranschläge des Islamischen Staates verantwortlich zu machen, sei so, als würde man alle weißen Amerikaner für die Taten des Ku-Klux-Klans verantwortlich machen.

Diese Aussage konnte die Sichtweise, die viele der untersuchten Gruppen über Muslime hatten, verändern. In diesem Fall hat es funktioniert, ihnen die Ungereimtheiten hinter ihrem Hass vor Augen zu führen.

Die Bedeutung des Verständnisses von Emotionen

Wie wir bereits zu Beginn gesagt haben, besteht viel Verwirrung über Hass und seine tatsächliche Bedutung. Wenn die Menschen erkennen, dass dieses Gefühl etwas viel Größeres und Schädlicheres ist, werden sie vielleicht die Art und Weise ändern, wie sie dieses Wort verwenden.

Es besteht also eine große gesellschaftliche Notwendigkeit, Emotionen unterscheiden zu können, eine wesentliche Komponente der emotionalen Intelligenz. Wenn wir dieses Gefühl tatsächlich erleben, ist es sehr wichtig, die Überzeugungen zu hinterfragen, die uns hassen lassen, und sie neu zu formulieren. Vielleicht ist sogar professionelle Hilfe notwendig. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass Hass nie etwas Gutes bewirkt.

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  • Bruneau E, Kteily N, Falk E. Interventions Highlighting Hypocrisy Reduce Collective Blame of Muslims for Individual Acts of Violence and Assuage Anti-Muslim Hostility. Personality and Social Psychology Bulletin [Internet] 2017 [consultado 28 mar 2022]; 44(3):430-448. Disponible en: https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/0146167217744197
  • Navarro J , Marchena E, Menacho I. The Psychology of Hatred. The Open Criminology Journal [Internet] 2013 [consultado 28 mar 2022]; 6: 10-17. Disponible en: https://benthamopen.com/ABSTRACT/TOCRIJ-6-10