Lotusgeburt: Merkmale, Risiken und Vorteile

Einige Familien sind der Meinung, dass die Lotusgeburt die Heiligkeit der Geburt respektiert, aber sie gehen damit möglicherweise ein großes Risiko ein. Lies weiter, um mehr über diese Geburtsmethode zu erfahren.
Lotusgeburt: Merkmale, Risiken und Vorteile

Letzte Aktualisierung: 14. Juni 2021

Viele Frauen haben das Gefühl, dass die moderne Geburt keine emotionale und spirituelle Bedeutung mehr hat. Infolgedessen suchen sie immer öfter nach anderen, alternativen Möglichkeiten. Ein Beispiel dafür ist die Lotusgeburt. Es ist jedoch wichtig, sich daran zu erinnern, dass das Streben nach einer geringeren Sterblichkeit (Tod) und Morbidität (Krankheit) von Müttern und Babys die Geburt, wie wir sie heutzutage kennen, in eine extrem medizinisierte, methodische und kontrollierte Krankenhausprozedur verwandelt hat.

Die angemessene Versorgung von Müttern und Babys ist eine Priorität der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Durch die Anwendung evidenzbasierter Gesundheitsmaßnahmen konnte das ungefähre globale Lebenszeitrisiko für den Tod von Müttern von einem Todesfall pro 73 Frauen auf einen pro 180 Frauen gesenkt werden.

Daher müssen die werdenden Eltern gut informiert sein, wenn sie entscheiden, wie sie ihr Kind zur Welt bringen wollen. Und dazu gehören auch nicht evidenzbasierte Praktiken wie die Lotusgeburt.

Was ist eine Lotusgeburt?

Bei dieser Art der Geburt geht es darum, die Nabelschnur nach der Geburt des Babys intakt zu lassen. Das Baby bleibt mit ihr und der Plazenta verbunden, bis sie sich von selbst löst. Dies geschieht in der Regel zwischen dem dritten und zehnten Tag nach der Geburt.

Zunächst muss die Plazenta gewaschen werden, um verbleibendes Blut zu entfernen. Anschließend wird sie in ein saugfähiges Material, wie beispielsweise eine Windel, gewickelt. Schließlich reibt die betreuende Person sie mit Salz und aromatischen Kräutern ein; dies reguliert ihre Feuchtigkeit und vermeidet unangenehme Gerüche.

Der Ursprung dieser Praxis

Die Lotusgeburt ist nach Clair Lotus Day benannt; sie beobachtete im Jahr 1974, dass sich neugeborene Schimpansen auf natürliche Weise von der Plazenta trennen. Dies warf Fragen über die Art und Weise auf, wie wir während der Geburt damit umgehen.

Die Rolle der Nabelschnur und der Plazenta

Ohne die Plazenta wäre eine Schwangerschaft nicht möglich; sie wirkt als Barriere und verhindert, dass das mütterliche Immunsystem das Baby wie einen Fremdkörper angreift.

Außerdem gelangen Sauerstoff und alle Nährstoffe, die das Baby für seine Entwicklung braucht, von der Mutter über die Plazenta und die Nabelschnur zum Baby. Nach der Geburt wird das Baby dann in der Lage sein, über seine eigene Lunge Sauerstoff ins Blut zu bekommen.

Während der Schwangerschaft versorgen die Plazenta und die Nabelschnur das Baby mit Sauerstoff und Nährstoffen
Die Plazenta versorgt das Baby mit Sauerstoff und allen Nährstoffen, während es sich im Mutterleib befindet.

Vorteile, die der Lotusgeburt zugeschrieben werden

Der erste erwartete Vorteil einer Lotusgeburt ist der, dass das Kind keine Anämie entwickelt, da der Blutfluss aus der Plazenta nicht unterbrochen wird. Es wird auch vermutet, dass kein Infektionsrisiko besteht, da die Nabelschnur noch befestigt ist.

Wir möchten an dieser Stelle jedoch klarstellen, dass dies reine Hypothesen sind, da es keine wissenschaftlichen Beweise dafür gibt.

Warum entscheiden sich manche Familien für die Lotusgeburt?

Der Hauptgrund, warum sich werdende Mütter und Väter für eine Lotusgeburt entscheiden, ist in der Regel keiner der oben genannten. Meist entscheiden sie sich für diese Art der Geburt, weil sie es als eine Alternative sehen, die versucht, dem Moment der Geburt spirituelle Bedeutung zu verleihen.

Aus der Perspektive der Lotusgeburt ist die Plazenta ein heiliges Organ; ein Symbol des Lebens, der Fruchtbarkeit und einer unzerstörbaren Bindung zwischen Mutter und Kind. Diese Praxis bestätigt das Recht der Mutter und ihres Neugeborenen, die Bedingungen der Geburt zu wählen.

Die Auswirkungen einer Lotusgeburt auf ein Baby

Aus Sicht der Lotusgeburt bilden die Nabelschnur und die Plazenta eine Einheit mit dem Neugeborenen und das Neugeborene muss entscheiden, an welchem Punkt es bereit ist, sich zu trennen.

Einige glauben, dass die Erhaltung der Plazenta und der Nabelschnur verhindert, dass das Baby dem Trauma einer abrupten Trennung von seiner Mutter und dem Organ, das es während der Schwangerschaft geschützt hat, ausgesetzt wird. Ebenso berichten Eltern, dass sie mehr Zeit mit ihren Babys verbringen, da es schwierig ist, sie zu bewegen, während sie noch mit der Plazenta verbunden sind.

Die Risiken einer Lotusgeburt

An diesem Punkt fragst du dich vielleicht, warum die Lotusgeburt nicht die Regel ist, wenn sie so gut ist. Wie bereits zuvor erwähnt, gibt es keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass es sich um eine sichere und nützliche Praxis handelt.

Tatsächlich ist eine Lotusgeburt riskant und die meisten Fachleute raten davon ab. Solange es keine stichhaltigen Beweise dafür gibt und Berichte über Fälle vorliegen, in denen diese Art der Geburt eine Gefahr für die Neugeborenen darstellte, ist es weder ethisch noch praktikabel, diese Praktik zu empfehlen.

Entgegen der Erwartung, dass durch das Nichtdurchtrennen der Nabelschnur keine Infektionsgefahr für das Baby besteht, kann die sich zersetzende Plazenta tatsächlich zu einer Bakterienquelle werden und es sind bereits Fälle von Omphalitis (Infektion des Nabels) und Sepsis (Infektion des Blutes) bekannt.

Darüber hinaus kann ein unkontrollierter und dauerhafter Blutfluss aus der Plazenta zu Gelbsucht (Gelbfärbung der Augen und Haut), Polyzythämie (zu viele rote Blutkörperchen, die eine erhöhte Blutviskosität verursachen) und Thrombose führen.

Empfehlungen zur Lotusgeburt

Beachte die folgenden Punkte, wenn du entscheidest, unter welchen Umständen dein Kind geboren werden soll:

  • Informiere dich durch glaubwürdige Quellen über die verschiedenen Geburtsmethoden und kläre alle Zweifel und Bedenken mit einem Arzt deines Vertrauens.
  • Die Art der Entbindung (vaginal oder per Kaiserschnitt) hängt von deiner Krankengeschichte, dem Verlauf der Schwangerschaft und dem Wohlbefinden des Babys ab. Die Entscheidung wird dir vermutlich leichter fallen, wenn die Schwangerschaftskontrolle sorgfältig verlief und du alle empfohlenen Untersuchungen wahrgenommen hast.
  • Von einer Hausgeburt wird abgeraten, es sei denn, es handelt sich um eine Schwangerschaft mit geringem Risiko. Das heißt, solange es keine Anzeichen dafür gibt, dass die Mutter oder ihr Kind gefährdet ist.
  • Ein schneller und einfacher Zugang zu einem Gesundheitszentrum ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Entbindung für Mutter und Kind. Die Funktionsweise des Gesundheitssystems unterscheidet sich von Land zu Land. Somit können bis zu 40 % der Schwangerschaften mit einem geringen Risiko zum Zeitpunkt der Entbindung mit Komplikationen einhergehen.
  • Ärzte empfehlen dringend, sich auf die Geburt vorzubereiten, dazu gehören der Geburtsplan und entsprechende Schwangerschaftskurse.

Aktives Management der Wehen und der Geburt

Die postpartale Blutung ist nach wie vor die häufigste Ursache für den Tod von Müttern bei der Geburt. Ein aktives Management der Wehen oder der dritten Phase der Wehen ist eine wichtige Maßnahme, um diese Komplikation zu verhindern.

Das aktive Management bezieht sich auf drei Verhaltensweisen:

Verzögertes Abklemmen der Nabelschnur

Die WHO empfiehlt auch ein verzögertes Abklemmen der Nabelschnur. Dabei wird die Nabelschnur nicht sofort abgeklemmt, sondern es wird mindestens eine Minute nach der Geburt des Babys damit gewartet.

Hier stellen Neugeborene, die eine Atemunterstützung benötigen, eine Ausnahme dar, da ein verzögertes Abklemmen der Nabelschnur eine Anämie und andere schwere Krankheiten, die sie betreffen können, verhindert.

Die respektvolle Schwangerschaftsbetreuung

Die Empfehlungen internationaler Organisationen für die Betreuung von Schwangerschaft und Geburt zielen darauf ab, die Mutter mit Würde und Respekt zu behandeln. Darüber hinaus schützen sie auch ihre Privatsphäre, Vertraulichkeit und Integrität.

Ihr Ziel besteht nicht nur darin, die Morbidität und den Tod von Müttern zu verhindern, sondern auch darin, Frauen zu stärken und ihre Rechte durchzusetzen. Dieser Prozess beginnt vor der Empfängnis und setzt sich nach der Geburt des Kindes fort.

Die humanisierte Geburt

Der Hautkontakt ist in der ersten Stunde entscheidend, um das Stillen nach der Geburt zu erleichtern. Vor allem, wenn es der Mutter gut geht und das Baby ohne Komplikationen geboren wurde.

Die behandelnde Krankenschwester legt das Neugeborene auf den Bauch der Mutter, trocknet es ab und bewertet seine Atmung. Währenddessen warten sie ein paar Minuten, bevor sie die Nabelschnur abklemmen. Dann bedecken sie das Baby mit einer Mütze und einer trockenen Decke.

Dabei überspringen sie keine andere Routinebetreuung, sondern verschieben diese nur bis nach der ersten Stunde des engen Kontakts des Babys mit seiner Mutter.

Medizinische Interventionen verringern das Sterberisiko von Müttern und ihren Babys
Der Einsatz von Medikamenten während der Wehen verringerte das Sterberisiko von Müttern und ihren Babys. Internationale Organisationen empfehlen jedoch die Humanisierung des Prozesses.

Abschließende Bemerkungen zur Lotusgeburt

Obwohl es keine wissenschaftlichen Beweise für die Lotusgeburt gibt, kann man die Tatsache nicht ignorieren, dass Eltern, die sie erlebt haben, sie als eine positive Erfahrung ansehen, die sie gerne wiederholen würden.

Das liegt zum Teil daran, dass unsere menschlichen Gefühle, Überzeugungen, Gedanken, Emotionen und Spiritualität ein wesentlicher Teil unseres Lebens sind. Medizinisches Wissen hingegen konzentriert sich oft auf das Biologische und Körperliche und vernachlässigt dabei andere Bedürfnisse.

Die medizinische Versorgung muss jedoch nicht gleichbedeutend mit einer kalten, entmenschlichten oder traumatischen Geburt sein. Es gibt Möglichkeiten, die ganzheitlichen Bedürfnisse von Mutter, Vater und Kind in Einklang zu bringen, ohne gesundheitliche Risiken einzugehen.

Eltern müssen sich im Rahmen ihrer Geburtsvorbereitung über die Besonderheiten der Betreuung informieren und diese auch überprüfen. Die Lotusgeburt wird nicht empfohlen, aber viele Gesundheitszentren wenden einige sehr freundliche, menschliche und spirituelle Alternativen an.

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