Übergewicht und Darmflora – besteht ein Zusammenhang?

2 Juni, 2015

„Man ist, was man isst“ ist ein altes Sprichwort. Aber warum isst man eigentlich das, was man isst und was übergewichtig macht? Besteht ein Zusammenhang zwischen der Darmflora und unserem Essverhalten? Sind wir „darmgesteuert“, wenn wir zu Süßkram greifen?

MagenknurrenUnser Darm spricht mit uns

Es mehren sich die Forschungsergebnisse, die darauf schließen lassen können, dass uns unser Bauch in Wirklichkeit doch mehr zu sagen hat (und das auch tut!), als wir uns bisher vorstellen konnten! In unserem Bauch wohnen mehr Bakterien, als unser eigener Körper Zellen hat – die Darmflora ist somit das eigentlich größte Organ. Eine gesunde Darmflora trägt zu einem gesunden Allgemeinzustand wesentlich bei. Im menschlichen Darm „wohnen“ mehr als 10 hoch 14 Mikroorganismen. Das ist eine Eins mit 15 Nullen hinten dran. Ganz schön viel! Das Wissen um die vielen kleinen „Darmbewohner“ in uns nimmt auch in der Bevölkerung zu.

Nicht jeder Mensch hat dieselbe Darmflora, jeder hat sein eigenes, individuelles „Bauchgeflüster“, bzw. seinen eigenen „Darmflora-Fingerabdruck“, der sich aus ca. 800 bis 1000 verschiedenen Bakterien zusammensetzt. Jeder besitzt mit dem Vagusnerv auch eine direkte Verbindung vom Bauch ins Gehirn. Man spricht auch vom „Bauchhirn“ oder der „Darm-Hirn-Achse“. Neueste Untersuchungen haben gezeigt, dass Bakterien der Darmflora und ihre Abbauprodukte an den Rezeptoren des Vagusnervs zu Signalen direkt ins Gehirn führen. Dadurch haben unsere klitzekleinen Darmbewohner quasi einen „direkten Draht ins Oberstübchen“: die „Darm-Hirn-Achse“ funktioniert nämlich in beide Richtungen!

Reiz-darm

Wir haben die Macht über unsere Darmbewohner

Gott sei Dank haben wir aber die Macht über all unsere kleinen Helfer, denn durch unsere Nahrung bestimmen wir selbst, wie wohl sich wer hinter unserem Bauchnabel fühlt und können durch richtige Ernährung unser (Ess-)Verhalten quasi „aus dem Bauch heraus“ steuern. Warum das so wichtig ist? Weil durch die „Darm-Hirn-Achse“ uns durch die Darmbakterien Gelüste auf bestimmte Lebensmittel gemacht werden. Wie das funktioniert? Ganz einfach:

DarmbakterienJedem Darmbewohner sein Lieblingsfutter

Jede Art Darmbakterium ist auf eine bestimmte Art von Nahrung spezialisiert: Dem einen „schmecken“ nur Fette, dem anderen z.B. nur Eiweiße oder Zucker. Je nach dem, was eine Bakterienart zum Überleben braucht, so sendet sie über die „Darm-Hirn-Achse“ Signale ans Hirn (und somit an uns), um das zu bekommen, was sie gerne „fressen“ möchten. Das heißt für uns: Haben wir uns durch ungesundes Essverhalten gerade eine große Kolonie fettliebender gefräßiger Darmbakterien „gezüchtet“, senden diese Signale an unser Gehirn, die uns eher Lust auf fettreiche Speisen machen und uns zu nicht gerade Figur fördernden Lebensmitteln greifen lassen. „Ich kann nichts dafür, meine Darmbakterien sind schuld“ könnte bald schon eine beliebte Ausrede werden. Aber auch diese Ausrede bleibt das, was sie ist: eine Entschuldigung für eigenes Fehlverhalten. Wir selbst müssen uns nicht zum „Sklaven“ unserer „Hausgäste“ machen! Studien haben nämlich gezeigt, dass die Darmflora keine große Ausdauer besitzt und schon innerhalb von 24 Stunden auf ein geändertes Essverhalten reagiert.

DarmbakterienDarmflora und Übergewicht

Da ist er nun, der Zusammenhang zwischen der Darmflora und dem Übergewicht. Übergewichtige Menschen haben eine andere Darmflora als schlanke Menschen – weil sie ihre Darmbakterien mit fetten, zuckerhaltigen Speisen „angefüttert“ haben. Ein Zufallsbefund brachte Mediziner auf die Spur: Einer normalgewichtigen Patientin wurden aufgrund einer durch eine Antibiotikatherapie zerstörten Darmflora die Darmbakterien einer gesunden, aber übergewichtigen Frau eingesetzt. Die vor der Behandlung normalgewichtige Frau legte an Gewicht zu und konnte sich ihre veränderten Essgewohnheiten nicht erklären. Umgekehrt funktioniert das natürlich auch. Mit dem großen Unterschied: Du kannst dir selbst die richtigen Darmbakterien „anfüttern“, die ein Normalgewicht und gesundes Essverhalten unterstützen.

ObstSorge selbst für die richtige Darmflora!

Wir können also selbst dafür sorgen, dass nicht jedes „Bauchgefühl“ nur ein von „Untermietern“ generiertes „Wunschkonzert“ ist. Die Forschungsergebnisse deuten eindeutig darauf hin, dass eine gesunde Ernährung die Bakterienarten fördert, die mit der Kommunikation über den Vagusnerv und im Zusammenspiel mit Hormonen auch genau diese Signale ans Hirn senden, die unser Handeln zu einer Beibehaltung dieser Ernährung steuert. Mit unseren Entscheidungen können wir so den „Schokojunkies“ unter unseren „Hausgästen“ weniger Macht geben, indem wir statt zur Schokolade dann doch zum Apfel greifen – und damit die „Obstjunkies“ unter unseren nützlichen Helferlein fördern.

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