Die vier Phasen der Trauer

18 September, 2015
Jeder trauert anders und jeder soll trauern können. Wir zeigen, welche Phasen dabei jeder individuell durchläuft.

Wenn ein naher Angehöriger stirbt oder ein Freund, der einem sehr nahe stand, dann ist die Trauer groß und schier unermesslich. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie es ohne diesen Menschen weitergehen soll. Die Trauer reißt einen in ein tiefes, schwarzes Loch. Wir alle durchlaufen in dieser Zeit verschiedene Phasen.

Vier Phasen in der Trauer

Wissenschaftler um Verena Kast haben vor über 30 Jahren ein Modell erarbeitet, das zeigt, dass Trauer in vier Phasen erfolgt. Jeder erlebt jede Phase unterschiedlich, aber im Grunde muss jeder, der einen liebgewonnenen Menschen verloren hat, durch alle vier Phasen hindurch. Nur, wer diese Phasen durchlebt hat, kann ein „Leben nach der Trauer“ befreit beginnen und wird nicht Jahre später von unverarbeiteten Gefühlen wieder eingeholt. Die vier Phasen der Trauer sind:

Traurig (3)Negation

Man will es einfach nicht wahr haben. Was passiert ist, kann nicht sein. Gleich kommt der Verstorbene sicher zur Tür herein, denn es kann nicht sein, dass er nicht mehr ist! Man glaubt, man ist in einem falschen Traum und wartet darauf, aufzuwachen. Je nach Umständen des Todes kann diese Phase mehrere Wochen dauern. Meist ist diese Phase lang, wenn der Verstorbene unerwartet aus dem Leben ging, etwa durch einen Unfall.

Schmerz5Starke Emotionen

Hat man die erste Phase durchlebt und ist sich bewusst geworden, dass es sich um einen realen Verlust und nicht um einen bösen Traum handelt, kommt die Phase der starken Emotionen, die dann in einem „aufbrodeln“: Wut, Angst, Zorn, aber auch Freude. Ein wirres Gemisch starker Gefühle wechselt einander ab, macht einen ruhelos. Oft werden Schuldige gesucht, wie zum Beispiel der „unfähige Arzt“ oder die „blöde Krankenschwester“. Es kommen Schuldgefühle auf „hätte ich mich nur mehr gekümmert“ oder auch Wut „wie konnte er mich alleine lassen“.

Nacht3Suchen, Finden, Loslassen

Ist man durch die ersten beiden Phasen durch, kommen die Emotionen zur Ruhe und man beginnt, den Verstorbenen unbewusst zu suchen. Man geht an Orte, an denen man zusammen war, sitzt in Zimmern, in denen der Verstorbene gewohnt hat und versucht, den Verstorbenen zu erfühlen. Kleidungsstücke des Verstorbenen werden getragen, Erinnerungsstücke herausgesucht. Wichtig ist, sich in dieser Phase aber auch zu trennen. Irgendwann das Zimmer umzuräumen, die Tagträumereien abzuschließen, immer seltener innere Dialoge mit dem Verstorbenen zu führen. Es ist wichtig, irgendwann die Trauer loszulassen und sich davon zu trennen.

NachtNeuanfang durch Akzeptanz

In der letzten Phase hat man den Tod akzeptiert, sich mit der Situation zurecht gefunden und ist bereit für einen Neuanfang. Psychologen sprechen davon, dass diese Phase etwa nach einem halben Jahr stattfindet. Der Neuanfang ist gestärkt durch die persönliche Erfahrung des starken Verlustes, das Gefühl „es geschafft zu haben“, „darüber hinweg zu sein“ und das Entdecken neuer Möglichkeiten, die mit dem Verstorbenen sich nicht eröffnet hätten. Man erkennt, dass der Tod ein Teil des Lebens ist und beginnt damit, sein Leben wieder zu leben und es neu zu gestalten.

Wann ist Hilfe nötig?

Als Außenstehender ist man oft überfordert mit der Trauer eines anderen Menschen. Man weiß nicht, wie man mit dem Tod und der Reaktion des Trauernden umgehen soll. Was in allen vier Trauerphasen hilft: da sein, zuhören, den Trauernden nicht alleine lassen. Normalität und Halt geben, ihm bei der Organisation von Beerdigung etc. helfen, eine Stütze sein. Gleichzeitig sollte man dem Trauernden aber auch Wegbegleiter bis zur vierten Phase sein und darauf achten, dass der Trauernde nicht in der dritten Phase bleibt. Dann nämlich ist professionelle Hilfe ein guter Rat. Es gibt Menschen, die eine „komplizierte Trauer“ erleben und die auch nach einem Jahr immer noch nicht über die dritte Phase hinaus gekommen sind. Diese Menschen werden es alleine nicht schaffen, den Weg aus der Trauer herauszufinden und brauchen professionelle Unterstützung. Jetzt liegt es am sozialen Umfeld des Trauernden, diese Hilfe zu vermitteln, denn der Trauernde selbst erachtet sein Verhalten als normal.

selbstvertrauenDas Trauerjahr

Früher war es Sitte, dass beim Tod eines nahen Angehörigen ein ganzes Trauerjahr lang schwarz getragen wurde. Nach Ablauf des Trauerjahres wurde die schwarze Kleidung wieder abgelegt und somit auch für die Außenwelt signalisiert: Ich habe die Trauer verarbeitet und abgelegt. Dieser Brauch existiert nur noch selten, aber das Trauerjahr sollte jedem zustehen – aber dann sollte die Trauer wie ein schwarzer Mantel abgelegt werden. Es ist normal, dass an Feiertagen oder in bestimmten Situationen auch Jahre später die Trauer wieder auflebt, aber nach Ablauf eines Jahres sollte sie das Leben des Hinterbliebenen nicht mehr dominieren. Falls doch, sollte professionelle Hilfe aufgesucht werden.

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